Milch-Quote
Die Milch macht's: Vielen Bauern droht das Aus

Nicht nur die Kuh, sondern auch viele Milchbauern schauen einer ungewissen Zukunft entgegen. Bild: Petra Hartl
Wirtschaft BY
Bayern
05.12.2014
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Ein Bundestagsabgeordneter, der sich zwei Wochen vor der Wahl zu einer Ohrfeige hinreißen lässt. Landwirte, die aus Protest in einem Milchpool baden. Das war vor fünf Jahren. Heute geht der Streit um die Milch weiter. Es geht um eine Quotenregelung, die im April 2015 ausläuft. Vor allem kleinere Betriebe müssen nun um ihre Existenz fürchten.

In Kümmersbuch haust eine ganz besondere Kuh. Sie ist nicht nur blau-weiß gefleckt, sondern nimmt für sich sogar 40 Quadratmeter in Anspruch. Klar, es handelt sich hier um keine echte Kuh. Vielmehr um ein Gemälde namens „Milk Cow“. Graffiti-Künstler JEroo hatte das Motiv für einen Wettbewerb an der Wand einer Maschinenhalle in Kümmersbuch (Landkreis Amberg-Sulzbach) angebracht und der Öffentlichkeit präsentiert. Ziel war es, Aufmerksamkeit auf das Thema Milch zu lenken.

Das ist zwar jetzt im Fokus der Öffentlichkeit, was aber weniger an der seit Mitte Oktober abgeschlossenen Aktion liegt, sondern an den sinkenden Literpreisen und einer Quotenregelung, die ab 1. April 2015 entfällt. Oft wird von einer Aufhebung gesprochen. Richtig ist hingegen, dass es schlichtweg keine Verlängerung mehr gibt. Die letzte wurde vorm Rat der EU in den Luxenburger Beschlüssen 2003 festgehalten. Die Milchquote regelt, wie viel Liter ein Betrieb an eine Molkerei liefern darf, ohne dafür bestraft zu werden. Wenn die Landwirte mehr Milch an etwa Molkereien verkaufen, müssen sie eine Superabgabe zahlen, die in den allgemeinen EU-Haushalt fließt.

Der Grund für den Wegfall ist einfach. Dr. Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des Verbands der Milcherzeuger Bayern (VBM), erklärt: „Es ist bei der Entscheidung schlichtweg keine Mehrheit mehr dafür zusammengekommen.“ Das liege an den vielen Interessenskonflikten der beteiligten Länder.

KunstwettbewerbAusgangspunkt des Street-Art-Projektes war der Wunsch der Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft (LVBM), dass sich Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Thema Milch auseinandersetzen. Die LVBM hatte dazu aufgerufen. Einzige Vorgabe war das Thema Milch. In jedem Regierungsbezirk Bayerns gibt es ein Kunstprojekt. In der Oberpfalz ist es eben die „Milk Cow“.

Als die Quote 1984 von der Europäischen Gemeinschaft – dem Vorläufer der Europäischen Union – eingeführt wurde, waren zehn Mitgliedsstaaten beteiligt. Mittlerweile sind insgesamt 28 Länder in der EU. Allein durch die EU-Osterweiterung vor zehn Jahren kamen zehn neue Staaten hinzu.


Die „Milk Cow“ in Kümmersbuch ist ein Blickfang. Kein Wunder auch. Schließlich hat das Kunstprojekt zum Ziel, Aufmerksamkeit auf das Thema Milch zu lenken. Bild: hfz

Ein weiterer Grund sei, dass die Quote in den vergangenen 30 Jahren nicht dazu beigetragen habe, den Milchpreis zu stabilisieren. Die EU habe zudem oft Exporterstattungen zahlen müssen, damit die europäischen Betriebe konkurrenzfähig bleiben konnten. Zwischenzeitlich sei es so gewesen, dass der Milchpreis in Deutschland doppelt so hoch war wie etwa in Neuseeland. „Die Nachfrage nach Milch ist global größer geworden“, beichtet der Geschäftsführer. Eine Quote, welche die Produktion begrenzt, sei deshalb überholt.

Viele Experten prophezeien aufgrund der wegfallenden Regulierung den Untergang vieler kleiner Betriebe. Seufferlein teilt diese „Schwarz-Weiß-Sichtweise“ nicht. Er glaubt, dass viele Betriebe wachsen statt sterben werden: „Es wird einen Strukturwandel geben.“ Er vermutet, dass die Landwirte in Bayern nicht im Stich gelassen werden, denn „sonst würde etwas verloren gehen“. Gerade auch in der Oberpfalz sei die Kuh für die vielen Grün- und Hügelflächen unabdingbar: „Das ist die einzige Chance.“ Gefragt sei deshalb vor allem der Freistaat, der die kleinen Betriebe mit regionalen Programmen unterstützen und eine Perspektive schaffen müsse.

Aktuell stellt sich die Lage wie folgt dar: Der Durchschnitts-Milchviehhalter in Bayern hat 33 Kühe in seinem Stall stehen. Eine Grafik zeigt, dass es im Freistaat viele kleine oder mittlere Betriebe gibt. Landwirte mit 100 oder mehr Kühen gibt es nur wenige. Gleichzeitig müssen diese Betriebe aber nach dem Wegfall der Quote weltweit mit Betrieben konkurrieren, die mehrere Tausend Kühe ihr Eigen nennen.



Dass viele Bauern ihre Betriebe ausbauen, darauf lässt die Rekord-Superabgabe schließen, die heuer von vielen Experten erwartet wird. Hans-Jürgen Seufferlein bestätigt die Tendenz zur Überproduktion. Genauso wie Helmut Graf, BDM-Vorsitzender des Landkreises Amberg-Sulzbach (BDM ist der Bundesverband deutscher Milchviehhalter). Die hohe Überproduktion der Betriebe führt Graf darauf zurück, dass öffentlich immer wieder ein „soft landing“ (weiche Landung) propagiert wurde. EU-Agrarkommisar Dacian Ciolos wurde von 19 landwirtschaftlichen Organisationen aus elf europäischen Ländern sogar aufgefordert, Maßnahmen für ein solches Szenario zu entwickeln.

Viele Bauern hätten deswegen gehofft, keine Superabgaben mehr zahlen zu müssen. Andere Landwirte vergrößerten ihren Betrieb und stockten die Anzahl der Kühe auf, um für die Zeit nach dem 1. April gerüstet zu sein. Viele lieferten folglich ohne eine Quote und nahmen die Strafzahlungen in Kauf. „Diese Betriebe sind es, die den Preis kaputt gemacht haben“, kritisiert Graf.

Auch er sagt einen Strukturbruch in Bayern voraus, jedoch fällt sein Blick in die Zukunft anders aus, als der von Dr. Seufferlein: „Die großen Betriebe werden mehr, die kleinen weniger.“ Der Kreisvorsitzende glaubt, dass sich die Zahl der Milchviehtierhalter in Bayern innerhalb der nächsten fünf Jahre halbiert. Der Milchviehhalter findet zwar, dass die Quote ausgedient hat: „Letztendlich hat sie Geld gekostet, aber nichts gebracht.“ Trotzdem macht er sich für eine Regulierung und ein neues System stark. Angebot und Nachfrage müssten austaxiert werden. Davon macht er auch abhängig, wie es mit seinem eigenen Betrieb weitergeht. 1997 hat er seinen Stall erbaut, in dem er 70 Kühe hält.

Nicht alle sind in der glücklichen Lage wie Landwirt Martin Prey aus Niedermurach (Landkreis Schwandorf). Er hat seinen Stall (55 Kühe) bereits abbezahlt und sei mit seinem 65 Hektar großen Betrieb relativ unabhängig. Der 52-Jährige vermarktet die Milch als Bioprodukt und ebenso den Großteil des Rindfleisches, das er erzeugt. Er sagt, dass die Quotenregelung die letzte Bastion gewesen sei, die den Strukturwandel aufgehalten habe. Deshalb fasst er zusammen: „Ich habe persönlich keine Angst vor der Zukunft, vor der allgemeinen Veränderung graust es mir aber.“



Zahlen belegen, dass seit 1960 die Zahl der Milchviehhalter in Bayern kontinuierlich abgenommen hat. Damit verbunden ist ein Rückgang, was die Anzahl der Kühe betrifft. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass heute weniger Milch produziert wird, wie noch vor ein paar Jahren oder Jahrzehnten. Ganz im Gegenteil. Seit 1950 hat sich die durchschnitttliche Milchleistung einer Kuh um über das dreieinhalbfache erhöht. Das ist sowohl auf die moderne Technik, als auch auf die kontinuierliche Weiterentwicklung in der Zucht zurückzuführen. Heute wird mehr als die doppelte Menge Milch produziert.





Über den Entschluss, die Quotenregelung nicht zu verlängern, gibt es auch auf politischer Ebene unterschiedliche Meinungen. Die Europaabgeordneten Albert Deß (CSU) und Ismail Ertug (SPD) sind sich über die Milchkontingentierung ganz und gar nicht einig. Deß, der auch im Agrarausschuss des EU-Parlaments sitzt, betont im Gespräch mit dem Oberpfalznetz, dass die Abschaffung gesetzlich zementiert ist: „Die Quote ist politisch abgeschafft. Das ist nicht mehr änderbar.“ Was das künftig für die Landwirte bedeutet, will er nicht beurteilen. „Wenn ich das wüsste, wäre ich ein Prophet“, erklärte er.

Früher sei er ein Anhänger der Milchkontingentierung gewesen. Während der EU-Osterweiterung hat sich Deß nach eigenen Aussagen für einen Erhalt der Quote eingesetzt. Mittlerweile sieht er die Sache anders. Die hohen Quotenkosten für die Landwirte seien nicht mehr tragbar. Was klar sein müsse: Viele Milchviehhalter seien an eine Stabilität gewohnt. Künftig müssten die Bauern mit „besseren und schlechteren Jahren“ rechnen.

Schwankungen trotz Quote


Deß verweist darauf, dass der Milchpreis auch trotz der Quote immer wieder Schwankungen unterworfen war. Er erinnerte an die 2009er Krise und aktuell an den Russland-Boykott (Zu den Reaktionen Putins auf die Sanktionen seitens der EU zählt ein russischer Importstopp für europäische Agrarprodukte). Der Europaabgeordnete resümiert: „Es ist momentan keine gute Situation.“ Dass irgendwann wieder eine Quote eingeführt wird, bezweifelt der CSU-Politiker. Er müsse allerdings auch künftig die Möglichkeit geben, „leicht regulierend einzugreifen“. Deß warnt außerdem davor, überhöhte Forderungen an die Bauern zu stellen – etwa bei der artgerechten Tierhaltung. Darunter würden nämlich vor allem kleinere landwirtschaftliche Betriebe leiden. „Die Agrarwirtschaft kann man nicht pauschalisiert betrachten“, erklärt Deß.

Ganz anders sieht die Sache Ertug. Er hält von der neuen Regelung ab 1. April 2015 nicht viel und kritisiert: „Die SPD im Europaparlament hat sich immer sehr kritisch zum Ende der Milchquote geäußert. Die Konservativen und Liberalen die damals im Agrarausschuss das Ende einer solchen Regelung herbeigesehnt haben, heulen jetzt mit den Wölfen.“ Ertug glaubt, dass die mögliche Überproduktion zu sinkenden Preisen führt. „Die Situation wird aktuell durch das Russland-Embargo verstärkt.“

Die Zukunft der Milchviehbetriebe zeichnet Ertug düster: „Die einen wollen in naher Zukunft investieren und Ställe vergrößern und damit ihre Existenz sichern. Die anderen machen sich aktuell Gedanken, ob sie vielleicht ihren Hof aufgeben müssen.“ Für beide Gruppen gelte, dass unabhängig von der Stallgröße oder der Anzahl der Tiere, kein Landwirt auf Dauer existieren könne, wenn die Milchpreise unter den Erzeugerpreisen lägen.

Ertug fordert "klare Gegenkraft"


Der Europaabgeordnete sagt außerdem: „Bei einer Mehrproduktion erhalten die vier großen Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland, die jetzt schon den Preis und das Angebot diktieren, noch mehr Macht.“ Landwirte würden dem Einzelhandel oft nicht auf Augenhöhe begegnen: „Mit dem Kauf jeden Liters Billigmilch wird dieses Abhängigkeitsverhältnis gestärkt. Wer einen guten Umgang mit Tieren und tirschutzgerechte Ställe, guten Umgang mit der Umwelt und bäuerliche Betriebe in Bayern will, muss auch bereit sein, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen.“

Deshalb fordert Ertug eine „klare Gegenkraft zum Einzelhandel“. Um eine Preisstabilität zu gewährleisten müssten sich Erzeuger zusammenschließen und klare Absprachen über die Produktionsmengen treffen. Nur so könnten Landwirte gemeinschaftlich über Liefermengen entscheiden.

Nicht nur die Milchkontingentierung sorgt für Zündstoff. Auch der sinkende Literpreis ist ein europaweites Problem. Das zeigte sich bei der jüngsten Mitgliedsversammlung der European Milk Board (EMB) Ende November. Bei der EMB handelt es sich um eine Dachorganisation bestehender Milchviehhalter- oder Interessens-Verbände für Landwirte. Ein Beitrag zeigt, wie die Preise in den EU-Ländern fallen:



Viele Organisatonen äußerten sich in jüngster Zeit zur Lage. Der Deutsche Bauernverband bezeichnet es laut dpa als „nicht akzeptabel, wenn Molkereien und Lebensmittelhandel als einzige Antwort auf die derzeitige Marktsituation in die alten Verhaltensmuster der Billigpreispolitik zurückfallen“. Das widerspreche auch deren Verantwortung gegenüber den Milchbauern und der Milchproduktion in Deutschland. Auch Greenpeace fordert faire Preise. „Die Anforderungen an Qualität und Nachhaltigkeit müssen erfüllt werden“, teilt die Umweltschutzorganisation mit. Der Deutsche Tierschutzbund spicht von einer Preis-Dumping-Strategie, die auf dem Rücken der Tiere und auch der Landwirte ausgetragen werde.

Die Discounter Aldi Nord und Aldi Süd läuteten nach Berichten der Presseagentur bereits eine Preissenkungsrunde im Handel ein. Sie schraubten die Preise Anfang November für Frischmilch und H-Milch um jeweils zehn Cent je Liter herunter. Auch Aldi-Konkurrenten wie Lidl, Norma, Edeka, Netto und Rewe bieten die Milch billiger an.

Die Diskussionen um die Milchpreise ist nicht neu. Schon vor fünf Jahren kochte der Streit zwischen Milchbauern und Politik. Vielen sind noch die Bilder im Kopf, als Landwirte die Milch in Gullys schütteten und symbolisch Strohballen anzündeten. Höhepunkt der Konflikte war Alois Karls Watschn. Der CSU-Bundestagsabgeordnete ohrfeigte in Trautmannshofen bei der Kirwa eine Landwirtin, die ihn zuvor mit einer Kanne Milch überschüttet hatte. Über die Aktion berichteten damals nicht nur zahlreiche Medien, sie ist sogar in Karls Wikipedia-Eintrag verewigt. Es war nicht zuletzt deswegen ein großes Thema, weil sich das zwei Wochen vor der Bundestagswahl ereignete.



Wer noch tiefer in die Welt der Milch eintauchen und wissen will, was eine Aminosäure ist, was ein Magermilchpulver ist und wieso die Zellzahl wichtig für die Rohmilchqualität ist, sollte Milkipedia durchforsten.

Die Quoten-Regelung


  • Bisher war der Milchmarkt in der Europäischen Union streng reglementiert. Die Quotenregelung wurde am 2. April 1984 in der Bundesrepublik eingeführt. Der Grund war, dass Ende der 1979er Jahre die steigende Milcherzeugung in der Europäischen Gemeinschaft zu immer größeren Überschüssen führte. Seitdem durften Betriebe nur bestimmte Mengen an Milch liefern, um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nicht aus der Balance zu bringen. Wer mehr produzierte, musste bisher eine Strafe zahlen.
  • Die Lieferung und der Verkauf von Milch an Molkereien ist seither nur denjenigen Milcherzeugern erlaubt, die eine Milchquote zugeteilt bekommen und erworben haben, eine bestimmte Menge Milch zu produzieren. Diese können ihre Rohmilch dann auf einem staatlich organisierten Handelsplatz, der Milchbörse oder auch Milchquotenbörse, den Molkereien anbieten und verkaufen. Für die Errechnung der ersten Milchquote legte der EG-Ministerrat die Milchproduktion seiner Mitgliedstaaten aus dem Jahr 1981 plus ein Prozent zugrunde.
  • Wenn ein Landwirt seinen Betrieb vergrößern und mehr Milch produzieren möchte, braucht er nicht nur einen größeren Stall und zusätzliche Milchkühe, sondern auch eine höhere Milchquote. Er „geht“ an die Börse und kauft die Milchquote eines „Anbieters“ oder erwirbt durch den Kauf oder die Pacht eines anderen Betriebes diese Lieferrechte hinzu.
  • Wird am Ende des Milchquotenjahres festgestellt, dass in einem Mitgliedsland die Milchquote überschritten wurde, muss die Regierung dieses Landes eine Strafe an den Haushalt der Europäischen Union (früher Haushalt der EG) zahlen. Das Geld dafür ziehen die Regierungsstellen wieder von den Betrieben ein, die zu viel Milch geliefert haben. Anhand der festgehaltenen Lieferdaten kann genau festgestellt werden, welcher Betrieb seine Milchquote überschritten hat. Damit die Betriebe sich an die Quote halten, und daher auch die Staaten sich an die Milchquote halten können, hat die EU die Superabgabe sehr hoch angesetzt.
  • Die EU hat sich nun die freie Marktwirtschaft auf die Fahnen geschrieben und setzt am 1. April 2015 nach jahrelangen Verhandlungen den Wegfall der Quoten-Vorgaben durch. Dann darf jeder Betrieb in Europa so viel Milch liefern, wie er imstande ist.
  • Gegen eine Verlängerung der Quote wurde sich unter anderem ausgesprochen, weil trotz ihr der Markt oft nicht stabilisiert werden konnte. Außerdem behindere sie den freien Wettbewerb zwischen Milcherzeugern. Kritiker befürchten, dass nun größere Betriebe noch weiter expandieren und dadurch kleinere um ihre Existenz fürchten müssen.