Schutzschirmverfahren soll Insolvenz verhindern
Wöhrl in der Krise

(Foto: dpa)
Wirtschaft BY
Bayern
07.09.2016
3204
0
 
Die Modehaus-Gruppe Wöhrl ist in Schwierigkeiten. Die Oberpfälzer Filialen in Amberg (Bild) und Weiden scheinen bisher allerdings nicht gefährdet. Archivbild: Huber

Mit einer Sanierung in Eigenregie will Wöhrl eine drohende Insolvenz verhindern. Das Nürnberger Textilhandelsunternehmen mit knapp 2000 Mitarbeitern leitete dafür ein sogenanntes Schutzschirmverfahren ein. Es räumte auch Fehler des eigenen Managements ein.

Nürnberg. "Ziel ist es, die Wöhrl Gruppe als Ganzes zu erhalten und nachhaltig in die Profitabilität zurückzuführen", teilte die Rudolf Wöhrl AG am Dienstag mit. Dafür sucht die Eigentümerfamilie einen Investor. Zwischen 6 und 10 der 34 Filialen in Süd- und Ostdeutschland müssen nach Angaben des neuen Restrukturierungsvorstands Christian Gerloff geschlossen werden. Welche dies sein werden und wie viele Mitarbeiter betroffen sind, sei noch unklar. Das Unternehmen hat nun drei Monate Zeit für einen Sanierungsplan. Dem müssen die Gläubiger dann zustimmen.

Kein Online-Shop geplant


Mehrere Faktoren hätten zu den Problemen geführt, sagte Gerloff: Das schwierige Marktumfeld in der Modebranche, die Konkurrenz durch den Online-Handel und auch "Managementfehler". Damit meinte er die Übernahme von Sinn-Leffers im Jahr 2013. "Das ist in vielen Branchen der richtige Ansatz, durch Größe zu wachsen, um am Markt zu bestehen", sagte Gerloff. Seiner Meinung nach gebe es in der Modebranche jedoch eine entgegengesetzte Entwicklung: "Alle Großen haben Probleme." Nur die kleineren Anbieter, die "vor Ort verankert sind, ihre Kundschaft und den Bedarf kennen", überlebten.

Wöhrl sieht sich derzeit Ansprüchen von rund 45 Millionen Euro gegenüber - dazu zählt vor allem eine Anleihe für den Kauf von Sinn-Leffers über 30 Millionen. Zudem seien Investitionen nötig, um Wöhrl neu aufzustellen. Die Eigentümerfamilie habe daher ihre Bereitschaft zu einer unternehmerischen Partnerschaft erklärt - gegebenenfalls auch als Minderheitsgesellschafter.

Das operative Geschäft an den 34 Standorten der Gruppe soll zunächst ohne Einschränkungen weiterlaufen. Defizitäre Filialen ohne Wachstumspotenzial sollen geschlossen und das Online-Geschäft verstärkt werden. Ein "Wöhrl-Onlineshop" sei jedoch nicht geplant, sagte der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende und neue Vorstandschef Andreas E. Mach. Vielmehr sollen Beratungsangebote per Internet und Telefon ausgebaut werden. Zudem soll die laut Mach "aufgeblähte" Hauptverwaltung am Standort Nürnberg umziehen und verkleinert werden. Aktuell arbeiten hier etwa 260 Mitarbeiter.

Keine neue Entwicklung


Das Schutzschirmverfahren schützt in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Die Geschäftsführung kann das Unternehmen weiter lenken und sanieren. Ihr wird allerdings ein Anwalt als "Sachwalter" und externer Berater zur Seite gestellt. Für das Geschäftsjahr 2015/2016 erwartet der Vorstand nach vorläufigen Berechnungen einen weiteren Rückgang des Konzernumsatzes von 316 auf rund 300 Millionen Euro. Der Jahresfehlbetrag werde voraussichtlich noch höher ausfallen als im Vorjahr. Damals machte Wöhrl 1 Million Euro Verlust. Die Entwicklung hatte sich seit längerem angedeutet. Anfang des Jahres hatte das Unternehmen nach den roten Zahlen im vergangenen Geschäftsjahr bereits ein Restrukturierungsprogramm eingeleitet.

Keine Sorge in Amberg und WeidenIn den beiden Wöhrl-Filialen in Amberg und Weiden sind derzeit jeweils rund 50 Mitarbeiter beschäftigt. An beiden Standorten herrscht bislang keine Sorge. Anfang des Jahres, als Wöhrl erstmals finanzielle Probleme bekanntgemacht hatte, wurde der Standort Amberg neben Nürnberg, Augsburg und Schweinfurt noch als "profitabel" bezeichnet. In Weiden feierte Wöhrl erst im März die Wiedereröffnung: Über Wochen hinweg verpasste das Unternehmen bei den grundlegenden Umbauarbeiten den über 2500 Quadratmetern Verkaufsfläche ein modernes Outfit.

Die Modehauskette Wöhrl wird inzwischen in der dritten Generation von der Familie geführt. 1933 wurde das Unternehmen von Rudolf Wöhrl in Nürnberg gegründet. Er nannte es "Zetka" ("Zuverlässige Kleidung"). Wöhrl hatte einst in seinem Heimatort Dettingen bei Aschaffenburg auf der Straße einen Knopf gefunden, den er aufhob und fortan als Talisman mit sich trug. Der Knopf wurde später das Markenzeichen der Wöhrl-Modehäuser. (zm/wd/dpa)


Alle Großen haben Probleme. Nur die kleineren Anbieter, die vor Ort verankert sind, ihre Kundschaft und den Bedarf kennen, überleben.Wöhrl-Vorstandsmitglied Christian Gerloff
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.