VW-Chefhistoriker sieht Mängel bei Studie über Audis NS-Vergangenheit
Zwangsarbeit heruntergespielt

Vermeintliche Mängel in einer Studie über die NS-Vergangenheit der VW-Tochter Audi (im Bild das Logo des Vorgängers Auto Union) sorgen für heiße Diskussionen. Bild: dpa
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Bayern
30.08.2016
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Wolfsburg/Ingolstadt. Volkswagens Chefhistoriker Manfred Grieger sieht schwere Mängel bei einer wissenschaftlichen Studie, die die VW-Tochter Audi über ihre eigene NS-Vergangenheit in Auftrag gab. Grieger attestiert der Abhandlung handwerkliche Fehler, eine verengte Sichtweise, einen lückenhaften Umgang mit Quellen und sprachliche Unschärfen. Ein VW-Sprecher sagte am Montag, das Unternehmen äußere sich dazu nicht. Ein Audi-Sprecher wollte den konzerninternen Historikerstreit nicht kommentieren.

Keine neutrale Sichtweise


Die Studie eines Audi-Historikers und eines Professors für Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus der TU Chemnitz habe einen "empathischen Kern", ihr mangele es also an einer unvoreingenommenen Betrachtungsweise. So sieht Grieger "argumentative Windungen", die "eine abwehrende Haltung" nahelegten.

Grieger gilt als profilierter Forscher zur Zwangsarbeit unter den Nationalsozialisten. Er promovierte 1996 über "Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich". Seit 1998 steht er in VW-Diensten. Seine Generalkritik an der Untersuchung erschien in der "Zeitschrift für Unternehmensgeschichte (ZUG)" bereits Ende 2015. Die 518 Seiten starke Studie namens "Kriegswirtschaft und Arbeitseinsatz bei der Auto Union AG Chemnitz im Zweiten Weltkrieg" stammt bereits aus dem Jahr 2014. Die Auto Union ist ein Vorgänger der VW-Tochter Audi AG. In manchen Betrieben soll laut der Studie zeitweise ein Sechstel der Belegschaft aus KZ-Häftlingen bestanden haben.

Audi nahm die Analyse 2014 zum Anlass, Darstellungen zur NS-Verstrickung des Vorgängers anzupassen. In der Rezension des VW-Chefhistorikers heißt es nun, die Studie unterschlage zwar nicht "die Beziehungen zu den NS-Eliten durch die Vorstände Richard Bruhn, William Werner und Carl Hahn", allerdings werde dieser Aspekt "in der Bedeutung heruntergespielt". Audi nennt heute bei der Bruhn-Vita im Internet die "Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern, KZ-Insassen und Kriegsgefangenen bei der Auto Union AG". Ein ähnlicher Hinweis bei Carl Hahns Vita fehlt.

Volkswagen hatte die eigene NS-Geschichte bereits in den 1990er Jahren untersuchen lassen. Der Konzern beteiligte sich für alle seine Marken auch an Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), die bis 2007 etwa 4,4 Milliarden Euro an fast 1,7 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter der NS-Diktatur auszahlte.

VW: Hitler legte Grundstein


Die Wurzeln des VW-Konzerns liegen im Nationalsozialismus. Hitler legte den Grundstein für das Stammwerk Wolfsburg, das mit Geld aus dem enteigneten Gewerkschaftsvermögen entstand. Für seine Beziehungen zu Geschäftspartnern regelt VW heute in einem Vorgabenkatalog: "Volkswagen lehnt jegliche wissentliche Nutzung von Zwangs- und Pflichtarbeit einschließlich Schuldknechtschaft oder unfreiwilliger Häftlingsarbeit ab."
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