Warten auf Friedensangebot

Wirtschaft BY
Bayern
06.05.2015
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Fast eine ganze Woche lang wollen die Lokführer streiken. Der Ausstand trifft Pendler, Reisende und die Wirtschaft mit voller Härte. Ob die Bahn den Streit mit einem neuen Vorschlag befrieden kann, bleibt vorerst offen.

Der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn macht Millionen Zugreisenden das Leben schwer. Die Lokführergewerkschaft GDL weitete am Dienstag ihren Ausstand auf Fernzüge, Regionalbahnen und S-Bahnen in ganz Deutschland aus. Der fast einwöchige Arbeitskampf, der am Montag im Güterverkehr begann und bis Sonntag dauern soll, ist der achte im derzeitigen Tarifkonflikt.

Die Bahn will im Fernverkehr auch am Mittwoch und Donnerstag etwa ein Drittel des üblichen Verkehrs auf die Schiene bringen. Möglicherweise kommt am Mittwoch Bewegung in den Tarifkonflikt. Dann will die Bahn einen "Vorschlag zur Befriedung der Lage" unterbreiten, wie Bahnchef Rüdiger Grube ankündigte.

Bayern: Jeder zweite Zug

Auch im Freistaat mussten sich Bahn-Reisende und Pendler seit den frühen Morgenstunden auf Beeinträchtigungen im Zugverkehr einstellen. Rund 50 Prozent der Nahverkehrzüge und zwei Drittel der Fernzüge fallen am Dienstag aus, teilte ein Sprecher am Morgen mit. Die Ersatzfahrpläne der Bahn seien stabil angelaufen, teilte ein Bahnsprecher am Morgen mit.

Bundesweit fuhren etwa ein Drittel der Fernzüge und im Regionalverkehr zwischen 15 und 60 Prozent der Züge. Im Osten Deutschlands fuhr in einigen Gebieten kaum ein Regionalzug. Die Ausfallquote lag dort bei 85 bis 95 Prozent. Im Westen sind mehr Lokführer verbeamtet, sie dürfen nicht streiken.

Viele Menschen nahmen das Auto und gerieten vor allem in den Ballungsgebieten in sehr dichten Verkehr. "Wer keine Alternative zum Auto hat, steht fast zwangsläufig im Stau", sagte eine ADAC-Sprecherin. Die Wirtschaft befürchtet wegen der langen Streikdauer Millionenschäden. Allein die Bahn-Bilanz belastet jeder Tag mit zehn Millionen Euro.

Auch die S-Bahnen waren stark beeinträchtigt. In Hamburg fuhren sie auf den Stammlinien im 20-Minuten-Takt. In Berlin wurde etwa die Hälfte der Linien im selben Abstand bedient. Im Rhein-Main-Gebiet fuhren die meisten Linien im Stunden-Takt oder fielen gleich ganz aus.

Der Streik wird auch die Wirtschaft vorübergehend bremsen. Die Kosten könnten sich auf bis zu 750 Millionen Euro summieren, wie Konjunkturexperte Stefan Kipar (Bayern-LB) erklärte. Noch gefährlicher schätzen Ökonomen die langfristigen Folgen für den Ruf des Standorts Deutschlands ein. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) befürchtet nach drei bis vier Tagen Streik Produktionsunterbrechungen, weil die Logistikketten unterbrochen sind. Besonders betroffen seien Branchen, deren Güter nicht so einfach auf Lastwagen oder Schiffe umgeladen werden können - also die Stahlindustrie, der Fahrzeugbau und die chemische Industrie.

Regeln verschärfen

Die Rufe, den seit Juli 2014 dauernden Konflikt mit Hilfe externer Hilfe endlich zu lösen, werden indes lauter. Mehrere Unionspolitiker forderten eine Zwangsschlichtung. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Michael Fuchs (CDU), sprach sich für die Einführung eines gesetzlichen Schlichtungsverfahrens im Bahn- und Luftverkehr aus. Der Fahrgastverband Pro Bahn regte an, einen Moderator einzuschalten.

Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky hatte am Montagabend erneut die von der Bahn vorgeschlagene Schlichtung abgelehnt. Es gehe um grundgesetzlich geschützte Rechte der GDL-Mitglieder, sagte er. "Wir lassen nicht über Grundrechte schlichten." Die Gewerkschaft geht von einer hohen Beteiligung ihrer Mitglieder an dem Arbeitskampf aus. Pro Tag seien rund 3000 Lokführer im Streik, berichtete GDL-Sprecherin Gerda Seibert. Der Konflikt ist deshalb so schwierig, weil die GDL mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) teils für die selben Beschäftigtengruppen Tarifverträge abschließen will. Die Bahn will für beide Gewerkschaften ähnliche Abschlüsse erzielen.

Die GDL hatte am Donnerstag das neue Tarifangebot zurückgewiesen. Demnach sollten die Löhne vom 1. Juli an in zwei Stufen um insgesamt 4,7 Prozent steigen. Dazu komme eine Einmalzahlung von 1000 Euro bis zum 30. Juni. Die Gewerkschaft fordert für die Beschäftigten fünf Prozent mehr Geld und eine Stunde weniger Arbeitszeit pro Woche.

Während des Streiks sollten Fahrgäste sich unter Telefon 08 000-996 633 oder im Netz über die verfügbaren Verbindungen informieren.

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Aktuelle Informationen zu Zugverbindungen:

http://www.bahn.de/liveauskunft
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