Wenn Demenz Menschen verändert
„Es ist trotzdem meine Mama“

Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin liegt in ihrem Zimmer auf einer Matratze neben dem Bett. Die Matratzen sollen verhindern, dass sie sich verletzt, falls sie sich aus dem Bett dreht. Symbolbild: dpa
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Bayern
28.01.2015
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Eine Plastikbox voll mit Schoko-Plätzchen auf dem Tisch, vor dem Fenster ein Sessel, eine Puppe und Familienfotos auf dem Holzschrank im Eck. Die 88-Jährige Irmgard K. (Name geändert) sitzt auf ihrem Bett im Pflegeheim. Die Blutergüsse im Gesicht zeugen von ihrem letzten Sturz. „Ist es kalt draußen?“, fragt sie ihre Tochter Martina dreimal innerhalb weniger Minuten.

Irmgard K. lässt ihre Beine von der Bettkante baumeln. An den Füßen trägt sie rote Wollsocken mit weißem, grobmaschigen Zick-Zack-Muster. „Wie geht es dir heute? Hast du Schmerzen?“, will Martina K. von ihrer Mutter wissen. Die Oberpfälzerin schaut weiter gerade aus und zupft an ihrer beigen Hose. „Mama, hast du Schmerzen?“, fragt sie ein zweites Mal – diesmal lauter und noch ein bisschen deutlicher. Irmgard sieht ihre Tochter verdutzt an: „Wieso?“

Martina K. zeigt auf die blau-violetten Flecken und nimmt die Hand ihrer Mutter. „Du bist ganz blau im Gesicht, weil du schon wieder hingefallen bist“, erklärt sie. Die 88-Jährige scheint sich zu erinnern und nickt. Tochter Martina schüttet Vitaminsaft in ein Glas und gibt es ihr. „Trink mal was, Mama. Da kommst du immer nicht hin, wenn die Schwestern die Flasche so weit weg stellen, gell?“

Mutter allein gepflegt


Seit fast einem Jahr lebt Mutter Irmgard in einem Pflegeheim im Landkreis Tirschenreuth. Jahrelang hat Martina sie allein zu Hause gepflegt. Bis die Mutter schwer stürzte und mit Brüchen ins Krankenhaus musste. Die Ärzte rieten der 50-Jährigen ihre Mutter in ein Pflegeheim zu bringen. Die Gefahr eines erneuten Sturzes sei zu groß. „Sie hat sich nicht einmal mehr daran erinnert, dass sie hingefallen ist und sich verletzt hat“, sagt Martina K. und zuckt hilflos mit den Schultern. „Am Anfang war es komisch, dass sie nicht mehr da war. Aber ich konnte einfach nicht mehr“, meint sie und wischt sich mit dem Handrücken Tränen aus dem Gesicht.

Die Vergangenheit holt die 50-Jährige aus einem Dorf im Landkreis Tirschenreuth wieder ein, als sie von ihren Erlebnissen mit ihrer dementen Mutter erzählt. „Es war nie einfach mit meiner Mama. Sie war schon immer eine dominante Frau. Sie ließ sich nichts sagen. Eine Kriegsgeneration, die kein Blatt vor den Mund nimmt.“ Mit dem Alter hätte sich ihre Schroffheit weiter verstärkt. „Ich habe wegen ihr viel geweint, sehr viel.“

„Es sind oft böse Schimpfwörter von meiner Mutter gefallen. Wenn ich sie morgens anziehen wollte, hat sie mir an den Kopf geworfen, dass ich ihr gar nichts zu sagen hätte.“ Martina K. senkt traurig den Kopf. „Aber es ist immer noch meine Mama. Auch wenn sie mich beschimpft hat, konnte ich sie ja nicht einfach liegen lassen. Sie brauchte mich.“ Die Gefühle schwankten immer wieder zwischen Verzweiflung und Wut.

Dr. Wolfgang Rechl, zweiter Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, kennt die Gefühle, die sich bei Angehörigen von dementen Menschen aufstauen. „Am Anfang sind sie oft sauer, weil sie nicht verstehen, was mit einem Menschen durch die Krankheit passiert. Sie verändern sich“, erklärt er. „Als Ärzte müssen wir ihnen dann erst einmal verdeutlichen: Sie können viel gar nicht mehr können.“ Die Hilflosigkeit und Vergesslichkeit verändere sie auch auf emotionaler Ebene. „Entweder werden sie apathisch, oder die Gefühle spitzen sich weiter zu – sie werden aggressiv“, erklärt der Mediziner.

Gekocht und gebügelt


Martina K. sei es fast so vorgekommen, als ob es für ihre Mutter Zeitvertreib gewesen sei, sie zu drangsalieren. „Obwohl ich alles für sie gemacht habe: gekocht, gebügelt, Kleidung gekauft, sie gewaschen.“ Jahrelang habe ihre Mutter noch behauptet, sie mache alles selbst. „Dabei haben wir ihr damals schon lang die Knöpfe vom Herd abmontiert. Sie hat es nicht mal gemerkt. Sie wollte es einfach nicht zugeben, dass sie auf Hilfe angewiesen ist.“

Irmgard K. sei sehr fleißig gewesen. Auf dem Hof habe sie die Tiere versorgt und alles selbst gemanagt. Als sie vor rund 30 Jahren den Hof an ihre Tochter übergeben hat, habe sie zugleich den Kochlöffel abgegeben. „Sie wollte nicht mehr am Herd stehen und nicht mehr waschen“, erinnert sich Martina K. In den folgenden Jahren baute sie immer weiter ab. Am Morgen habe sich Irmgard K. oft nicht anziehen lassen und nach ihrer Tochter geschlagen, wenn sie ihr eine Strumpfhose überziehen wollte. „Wenn sie etwas nicht mehr gefunden hat, hat sie andere beschuldigt. Meistens ist es aber wieder aufgetaucht.“ Martina K. beschreibt das Verhalten ihrer Mutter wie das eines trotzigen Kleinkindes. Auch nach den Pflegerinnen im Altenheim habe sie anfangs gehauen.

Wann ihre Mutter krank wurde, kann Martina K. nicht genau sagen. „Es war so ein schleichender Prozess. Und wenn man dem Menschen nahesteht, dann merkt man das nicht so schnell“, sagt die 50-Jährige. „Ich habe mich nur oft gefragt, warum sie so böse und respektlos zu mir ist.“ Irmgard K. habe sich sehr verändert. Sie habe sich früher gerne im Pelzmantel und mit Highheels gezeigt. „Sie hat immer auf ihr Äußeres geachtet. Irgendwann wollte sie sich nicht einmal mehr waschen.“ Martina K. ließ schließlich einen medizinischen Dienst kommen, der den Gesundheitszustand der Mutter beurteilen sollte. Dieser stellte fest, dass Irmgard schon längst in eine Pflegestufe eingestuft hätte werden können.

„Wenn ich es eher akzeptiert hätte, dass meine Mutter unter fortgeschrittener Demenz leidet, hätte ich mir früher Hilfe holen können. Dann wäre es für mich nicht so eine aussichtslose Situation gewesen.“ Immer wieder habe sie sich gedacht: „Mensch, wach auf!“ Aber sie habe es als ihre Pflicht gesehen, ihrer Mutter zu helfen, sie zu pflegen. Sie habe gedacht, sie könne es allein schaffen und sie wollte es auch ohne fremde Hilfe in den Griff bekommen. Nach dem schweren Sturz der Mutter habe sie sich jedoch eingestehen müssen, dass sie Hilfe brauche.

Fotos zur Erinnerung


Oft, wenn Martina K. ihre Mutter im Altenheim besucht und die Pfleger sie besonders schön gekleidet haben, macht sie ein Foto – zur Erinnerung an die Frau, die ihr das Leben nicht gerade leicht gemacht hat, die aber immer ihre Mutter bleiben wird.