Sternstunde der Kichenmusik
Stoiber spielt Reger

Bürgermeister Ludwig König (rechts) überreicht Professor Franz Josef Stoiber eine Orgelpfeife. Bilder: ld (2)
Kultur
Brand
08.06.2016
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Eindrucksvoll brachten die beiden Brander Chöre die Messe "aux chapelles" von Charles Gounod zu Gehör.

"Musik ist ein Fenster zum Himmel. Wenn ich Musik höre, spüre ich, dass meine Seele Flügel bekommt." Unerwartet viele Zuhörer haben das, was Anselm Grün einmal formuliert hat, bei einem besonderen Konzert im Rahmen des Reger-Jahres so empfunden.

Von Bertram Nold

Eine Sternstunde war der Pfarrei zum Patrozinium der Pfarrkirche beschert, ein außergewöhnliches Konzert mit großer Ausstrahlung. Zu verdanken war dies vor allem einen besonders für Improvisationen weltweit bekannten Künstler. Professor Franz Josef Stoiber, Organist des Regensburger Doms, gastierte und eine ganze Stunde hielten 90 Zuhörer den Atem an, staunten darüber, wie diese wunderbare Musik, die in allen Varianten ihres Ausdrucks den Zuhörer ans Ohr dringt, auf dem Spieltisch der Orgel und darunter im Pedal entsteht, welch neuen Klänge und Effekte sich ergeben, wenn die richtigen Register gezogen werden oder sie sich selbst zu- oder wegschalten, weil der Fuß des Organisten gerade die Walze bedient.

Eine großartige Idee des Kulturellen Förderkreises (KFK), den Organisten mittels Beamer auf eine Wand neben dem Altarraum zu projizieren, um ihm bei seiner kunstvollen Arbeit zuschauen zu können. Die Leiter der beiden Brander Chöre, die an diesem Konzert beteiligt waren, Andrea Krauß und Bertram Nold, sprachen zwischen den Programmteilen kurze Texte über das Wesen der Musik, über ihre Wirkung und besonders ihre Aufgabe, wenn sie im Dienst des Glaubens steht, "denn im Hören gehören wir Gott selbst, dem Schöpfer der Musik."

"Das ist der Tag, den Gott gemacht", lautete der erste Programmpunkt, eine Improvisation von Franz Josef Stoiber in drei Teilen: Choralpräludium, Aria und Fuge. Geschah dies in Anlehnung an Max Reger, der die festen Formen des Barock stets zu den Grundlagen seiner Kompositionen machte? Es war ganz sicher eine Möglichkeit, die Vielfalt der romantischen Orgel zu ertasten, zu erspielen, Gegensätze herauszuholen. Auch aber, um die Grundaufgabe des Konzerts festzulegen und sie variantenreich darzulegen: "Das ist der Tag, den Gott gemacht", der Tag, der Freude und des Lob Gottes für die Musik.

Zwei Stücke aus Opus 59 von Max Reger, der sogenannten "Orgelmesse", hatte Franz Josef Stoiber mitgebracht. Max Reger in all seinen Widersprüchlichkeiten und in all seinen Gegensätzen ließ Stoiber an der Weimbs-Orgel hören, ein etwas breit angelegtes "Kyrie", die beiden Schweller zur dynamischen Ausgestaltung ausgiebig nutzend und immer wieder neue Registraturen findend, um den Bußakt deutlich und beeindruckend wiederzugeben. Das gegen Ende im Programm stehende "Gloria" entwickelte der Organist fröhlicher, heller, lebendiger, freier und schlanker registriert, um spätestens jetzt spüren zu lassen, dass das Instrument in all seiner Vielfalt auch zu barocken Klängen fähig ist. Hier spielt nicht nur ein glänzender Organist, der die Zuhörer zum Einen durch sein ungeheures Können in den Bann zieht; hier spielt auch ein Mann mit tiefer religiöser Überzeugung, dem es von Gott gegeben ist, sein Verhältnis zum Schöpfer mit seinen Mitteln, der Möglichkeiten einer Orgel und seinem Können zum Ausdruck zu bringen.

Auch der Beitrag der beiden Brander Chöre steht unter diesem Vorzeichen. Mit der Messe "aux chapelles" von Charles Gounod wurde ein weiterer Romantiker ausgewählt, mit Reger absolut nichts gemeinsam, in seiner Art aber ebenso überzeugend und schön. Da brauchte es lediglich eine Probe von einer Viertelstunde, um sich von einem derart großen Könner begleiten zu lassen. Kleine Korrekturen in der Bassbegleitung, dann steht die Sache, und auch die Chöre liefern an diesem Tag eine hervorragende Leistung ab, versuchen, die dynamischen Vorgaben zu erfüllen und stoßen damit auf das Gefallen der Zuhörer.

Eines der meistgespieltesten Werke von Reger, Introduktion und Passacaglia d-moll, steht auf dem Programm; eine Auftragskomposition zu einer Orgelweihe, für die er sich acht Seiten hatte reservieren lassen und betonte, dass die Komposition honorarfrei geschehe. All das, was Reger ausmacht, findet sich darin wieder und wird vom Domorganisten Stoiber genauso perfekt präsentiert wie vom Komponisten beabsichtigt. Ein Kameraschwenk erlaubt den Zuhörern einen Blick in die Noten. Er reicht aus, um sich ein Bild von der Art des Reger'schen Schaffens zu machen.

Ein Wunsch des KFK steht am Ende: Improvisation über das Lied "Nun danket alle Gott", in memoriam Max Reger. Da gerät die gut besetzte Kirche noch einmal ins Staunen über das, was sich im Kopf des Organisten entwickelt und wie er es mit den Händen umsetzt: rhythmische Veränderungen, Änderungen von Dur in Moll und umgekehrt, schnelle Läufe auf dem oberen Manual, gepaart mit einem kräftigen Register im Hauptmanual, das die Melodie übernimmt, cantus firmus im Pedal, Triller mit feinen Registern und immer eng an der Melodie verbleibend.

Da ist die Freude im Kirchenraum über eine derart große Kunst zu spüren, wenn einmal der 16-füßige Fagott dazwischenschnarrt und gleich wieder ein großer Gegensatz folgt, weich und gebunden. Die Spannung steigt und darf sich schließlich lösen, wenn am Ende in drei Strophen gedankt wird "mit Herzen, Mund und Händen". Anders hätte das Konzert nicht enden können, als in diesen kräftigen Volksgesang zu münden und einen großen Dank an den Schöpfer zum Ausdruck zu bringen. Da will der Applaus nicht mehr enden.
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