Schuldige und Helden

Toni Siegert beleuchtete ein sehr dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Jedoch gab es auch in der Region mutige Menschen, die den Nazis die Stirn boten. Bild: ld
Lokales
Brand
19.11.2015
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Zwei "Schattengeistern" aus der Region - stille Helden des Dritten Reiches - wollte Toni Siegert bei seiner vielbeachteten Rede im Brander Mehrzwecksaal zu Namen, Würde und später moralischer Gerechtigkeit verhelfen: Kurat Josef Söllner aus Ebnath und Nikolaus Rott aus Weiden.

Knisternde Spannung herrschte unter den rund 50 Zuhörern. Bestürzung und Unverständnis machten sich breit, als der Referent aus seiner langjährigen Forschungsarbeit über die Nazi-Zeit berichtete. Fotos von Soldatengräbern, verknüpft mit Musik, Briefen von der Front, Zitaten aus Gästebüchern von Soldatenfriedhöfen, hatten auf die Gedenkrede zum Volkstrauertag des prominenten Redners eingestimmt, der auch an der Erstellung der Biografie der "Konnersreuther Resl" beteiligt ist.

Kopf und Kragen riskiert

Josef Söllner aus Ebnath, ehemaliger Schreinermeister und später Priester, hatte Kopf und Kragen riskiert, um einen von der Gestapo gesuchten Juden jahrelang zu verbergen. Dieser wäre "ins Gas gegangen". Bereits 1933 war gegen Söllner erstmals eine zweimonatige Schutzhaft verhängt worden. Später eckte er mit mutigen Predigten an, weswegen er 1942/43 für acht Monate im Gefängnis saß. Josef Söllner und Nikolaus Rott aus Weiden, der eine Jüdin 15 Monate lang im Dachgeschoss seines Hauses versteckt hatte, hatten für sich jeweils eine notwendige moralische Entscheidung getroffen.

Es sei an der Zeit, so Siegert, dass sich die Öffentlichkeit nicht nur vor all den namenlosen Opfern dieser Zeit, sondern auch vor stillen einsamen Helden dankbar verneigt. Dem ehemaligen Pfarrer Josef Pichl, der in mehreren Gefängnissen und Lagern inhaftiert war und 1942 ins KZ Dachau kam, widmete sich Siegert ausführlich. Mit dem Erbendorfer Pfarrer Spießl gehörte er zu den Glücklichen, die Dachau überlebten, dennoch ein Leben lang gezeichnet blieben. Und über Josef Losch berichtete Siegert, einem geborenen Pleysteiner, der auch Pfarrer in Neusorg war, und in Berlin/Brandenburg hingerichtet wurde.

Mit erschütternden Berichten und unvorstellbaren Opferzahlen hatte Siegert begonnen, um deutlich zu machen, wie leicht diese Millionen über die Lippen gehen, sich hinter jedem Opfer aber doch ein Einzelschicksal steckt. Von Nazi-Karrieren berichtet er, wie von jener des Karl Künstler, ehemaliger Buchhalter aus Thüringen, der es über eine schnelle SS-Karriere erst 38-jährig zum Kommandanten von Flossenbürg brachte.

Ein "feiner Kumpel"

"Als feiner Kumpel", als "feiner Mann" habe er gegolten, hätten ihm, Siegert, Flossenbürger 1975 gesagt, gerngesehen und geschätzt beim Kartenspiel im Dorfwirtshaus. Doch sei mit seiner Tätigkeit plötzlich die Todeszahl im Lager rasch angestiegen. "Schießprämien" und Sonderurlaub habe es für "erfolgreiche" Schützen gegeben, die Häftlinge in Zaunnähe jagen ließen, um diese Annäherung als Flucht zu deuten, was den Todesschuss zur Folge hatte. Ein Bäcker aus Floß, Richard Baer, ließ sich von den Nazis mitreißen, brachte es über die Totenkopf-SS-Karriere zum letzten Kommandanten von Auschwitz. Zunächst untergetaucht, wurde er 1960 enttarnt und verstarb an einer Herzattacke noch vor Prozessbeginn in U-Haft. Seine Mutter sei so stolz gewesen, dass sie jahrelang hoch zu Ross in einer Fantasieuniform durch Floß ritt. Aber auch das Gegenteil habe es gegeben: Ideologen, Parteibonzen, Mitläufer, Massenmörder und Opfer - alle aus dem gleichen Dorf, sogar aus der gleichen Familie. Eine ganze Reihe solcher Nazi-Karrieren schilderte Siegert. Niemand könne sich die 100 000 oder gar acht Millionen Tote vorstellen, gerade deshalb gehe von diesen Zahlen eine abstumpfende Wirkung aus, bezog sich der Referent auf den Historiker Antony Beevor. Gerade deshalb sei es Pflicht, "die Millionen Schattengeister in den Massengräbern als Individuen und nicht als namenlose, in zweifelhafte Kategorien eingeteilte Gestalten zu begreifen, weil gerade diese Art von Entmenschlichung genau das ist, was die Täter erreichen wollten."

Kleine Ortsgruppe

Siegert berichtete von ungeheuren Geschehnissen, als sich die amerikanischen Panzer näherten. Und dann das Lob für die Oberpfalz - mit Vorbehalt. Die Oberpfälzer seien Hitler nicht in Scharen nachgelaufen. Bei 600 000 Einwohnern ganze 5000 Parteimitglieder. 1927 habe sich Heinrich Himmler aufgemacht in die Oberpfalz, "um deren Einwohner zu bekehren".

In Groschlattengrün sei danach eine Ortsgruppe gegründet worden. Zehn Leute seien ihm willig gefolgt und unter seiner Anwesenheit der Partei beigetreten. "Alle braunen Missionsversuche in der Oberpfalz waren letztlich erfolglos", fasste Siegert zusammen. Und dann weiter: "In dieser braunen Ursuppe von lediglich 5000 Oberpfälzer NS-Parteigenossen findet sich eine ganz kleine, aber ausreichende Zahl an verderbtem Gesindel, aus dem Hitler sich seine terroristische Führungsschicht zusammenbaute."

Die freie Entscheidung

Frühe Nazi-Parteigenossen aus der Oberpfalz seien Hitlers treueste Hilfsdiener geworden. Sie alle hätten wohl nicht schon beim Eintritt die zwanghafte Vorstellung gehabt, Massenmörder zu werden. Überheblichkeit, Machtgier, Karrierestreben, Ruhmsucht seien denkbare Motive. "Wie jeder andere Mensch auch mussten sie zeitlebens sich immer wieder entscheiden: gehe ich links oder rechts? In jedem Menschenleben gibt es Hunderte solcher Verzweigungen, wo es stets hätte anders laufen können. In ihrem Falle verstrickten sie sich zunehmend in die teuflischen Abhängigkeiten ihrer verbrecherischen Organisation. Das konnte aber nur funktionieren, weil sie zunehmend das eigene Gewissen abtöteten und willig niedersten Instinkten folgten."
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