Kleider machen Leute
Der Blick auf die Tracht

Warum nicht? Tracht und Tattoo - mittlerweile ist alles erlaubt. Das zeigen die großformatigen Fotografien in Burglengenfeld. Bilder: Wolke (4)
Kultur
Burglengenfeld
29.07.2016
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Dr. Margit Berwing-Wittl stammt aus dem hohen Norden und trägt kein Dirndl. Ihre Kleiderpuppen aber hat die Museumsleiterin standesgemäß ausgestattet.
 
Der wertvolle Schmuck zur Tracht wird oft seit Generationen gehütet.

Tattoos zum Dirndl und Turnschuhe zur Lederhose. Dr. Margit Berwing-Wittl vom Oberpfälzer Volkskundemuseum Burglengenfeld sieht das nicht so eng. In ihrer Ausstellung geht es weniger um strenge Kleiderregeln als vielmehr um Moden und deren Symbolik

Es war gut gemeint. Anlässlich des Oktoberfestes und zu Ehren des Königs erschien im Jahre 1895 eine Oberpfälzer Delegation in "landestypischer Tracht". Das Problem dabei war nur: Die Kleider wirkten auf ihre Träger ebenso exotisch wie auf den Landesherren. Ein Foto zeigt die wenig glücklich dreinblickenden Frauen und Männer. Dass die Hauben falsch auf den Köpfen sitzen und auch ansonsten so allerhand schief gegangen ist, erkennt heute jeder Trachtenforscher.

Keine Ahnung


Margit Berwing-Wittl weiß auch warum. "Seit den 1860er Jahren hat kein Mensch mehr Tracht getragen", erklärt die Leiterin des Oberpfälzer Volkskundemuseums Burglengenfeld. Vermeintlich städtische Kleidung hatte das alte Gwand damals abgelöst und der Dirndlboom des frühen 21. Jahrhunderts lag noch in weiter Ferne. Kurzum: Die Leute hatten damals keine Ahnung mehr von Trachten.

Macht nichts, findet die Ausstellungsmacherin. Denn stimmen muss für die Volkskundlerin nichts. Der Wille zählt. Zumindest in der Ausstellung, mit der sich das Oberpfälzer Volkskundemuseum Burglengenfeld in einen derzeit laufenden Ausstellungskanon einbringt. "Tracht im Blick. Die Oberpfalz packt aus" lautet der Titel der Reihe, an der sich insgesamt neun regionale Museen beteiligen.

In Burglengenfeld nimmt man den "Blick auf die Tracht", so der Titel der dortigen Ausstellung, nicht so eng. Schließlich geht es um "Kleidung als Zeichen", so der Untertitel. Zu sehen ist also "alles, was Gruppenzugehörigkeit ausmacht und Zeichen setzt". So beschreibt Berwing-Wittl den Ansatz der Schau, die weniger auf museumsreife Prachtkleider setzt als vielmehr auf einen klassisch volkskundlichen Ansatz.

Und der besagt: "Kleidung als Zeichen", das ist die Lederhose in Bayern ebenso wie der Holzschuh in Holland - aber auch die Pfadfinderkluft, das Fußball-Fan-Trikot oder die Feuerwehruniform.

Beherzt hat Margit Berwing-Wittl gleich zu Beginn der Ausstellung eine Schar bunter Trachtenpuppen, Matroschkas und folkloristischen Tands aufgereiht. "Trachten sind wichtig für den Fremdenverkehr", mehr braucht sie dazu nicht zu sagen. Doch, vielleicht noch eines: "Kürzlich war eine Gruppe syrischer Frauen hier", erzählt die Museumsleiterin. "Oktoberfest und Dult, das haben die alle gekannt."

Dass Dirndl und Lederhose gut 120 Jahre nach dem bemühten Oktoberfestbesuch der Oberpfälzer Trachtler nicht mehr wegzudenken sind von bayerischen Volksfesten, zeigt die Ausstellung natürlich auch. Großformatige Fotos präsentieren fesch herausgeputzte Dultbesucher. Junge Frauen in Ballerinas zum Dirndl, großflächige Tattoos unter der Rüschenbluse: Erlaubt ist heute, was gefällt. So auch in Burglengenfeld. "In dieser Ausstellung geht es uns nicht um die einzig wahre oberpfälzische Tracht", betont die Museumsleiterin noch einmal.

Komplettes Tiergebiss


"Wir haben inzwischen gelernt, dass es die nicht gibt", fährt die Leiterin fort. "Dass es stattdessen regionale, lokale und soziale Unterschiede und Traditionen gibt, die ,die Tracht" zu einem Kunstbegriff werden lassen." In der Burglengenfelder Ausstellung gehe es daher allgemein um Moden, um das Aussehen und die Wirkung von Kleidung, die ein bestimmtes Bild vermitteln will.

Und wenn man es genau nimmt: Die Totenkopfkette, die eine Grufti-Dindlträgerin zu ihrem schwarzen Trachten-Outfit gewählt hat, unterscheidet sich nicht allzu sehr von einem traditionellen Schmuckstück, das einige Vitrinen weiter zu sehen ist: In Silber ist hier ein komplettes Tiergebiss eingearbeitet - ein echtes.

"Wir wissen schrecklich wenig über das Alltags- und Festgewand vor 200 Jahren", da macht sich Berwing-Wittl nichts vor. Mehr Beachtung als die "echte alte Tracht" finden in der Burglengenfelder Schau daher die Bemühungen des 20. Jahrhunderts, ebendiese zu reanimieren.

Adolf Eichenseer trieb dieses Anliegen seit den 1960er Jahren tatkräftig voran. Der erste Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz kleidete ganze Landstriche neu ein. Durch ihn erfuhr die Landbevölkerung erst wieder, was man ortstypisch zu tragen hat. Schnitt- und Stickmuster für originalgetreue Taschen, Tücher und andere Accessoires lieferte Eichenseers Ehefrau Erika.

Ob das Ergebnis nun in würdiger Nachfolge der traditionellen Volkstracht steht, sei dahin gestellt. Immerhin gibt es für die ruhmreichen Erneuerer der Oberpfälzer Tracht sogar ein Denkmal. Ein regionaler Künstler hat das trachtenverliebte Ehepaar Eichenseer als Keramikfiguren verewigt.

Für Margit Berwing-Wittl geht es bei Eichenseers Bemühungen weniger um Originalität sondern wiederum um das Zeichen. "Wir sind wer! Wir haben eigene Traditionen und auch eigene Tracht!", genau dies sollte die Oberpfalz nach außen hin signalisieren. Der Hinweis der Museumsleiterin auf Oberpfälzer "Auswanderer", die es nach dem Zweiten Weltkrieg nach München, Augsburg oder Nürnberg trieb, unterstreicht diese Einschätzung. Im Exil trugen diese gern ihre Oberpfäzler Tracht zur Schau. Beim Besuch in der Heimat gaben sie sich allerdings als "Städter" zu erkennen.

Auf Richtigkeit hinsichtlich der Tracht legt die Ausstellung in Burglengenfeld keinen Wert. Es geht um das Signal nach außen. Wenn daher Fußball-Trikots und Fotos von Thomas Müller gleichwertig neben bestickten Röcken und Abbildern ehrbarer Würdenträger stehen, dann darf sich daran niemand stören. Es geht um den Willen und allein das zählt.

In dieser Ausstellung geht es uns nicht um die einzig wahre oberpfälzische Tracht. Wir haben inzwischen gelernt, dass es die nicht gibt. Dass es stattdessen regionale, lokale und soziale Unterschiede und Traditionen gibt, die die Tracht zu einem Kunstbegriff werden lassen.Margit Berwing-Wittl, Oberpfälzer Volkskundemuseum


ServiceAusstellung: "Der Blick auf die Tracht. Kleidung als Zeichen" läuft bis zum 21. August

Ort: Oberpfälzer Volkskundemuseum, Berggasse 3 in Burglengenfeld.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung.

Informationen unter Telefon 09471/602583.

Weitere Informationen:
www.burglengenfeld.de www.tracht-im-blick.de
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