Vor 30 Jahren Anti-WAAhnsinns-Festival
Verdamp lang her

Wirklich verdammt lang her: Aus Köln kamen Wolfgang Niedecken (rechts) und seine unterdessen längst legendäre Band BAP. Bilder: Götz (7)
Kultur
Burglengenfeld
22.07.2016
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Es war sein bis dahin größter Auftritt: Herbert Grönemeyer, 1986 noch mit langer Mähne.
 
Wie viele waren es? Auf jeden Fall über 100 000 Fans und Anti-WAA-Gegner, die aus ganz Europa anreisten.

Die Geschichte ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar. Der Staat will mit allen Mitteln eine Musikveranstaltung verhindern. Junge Menschen stellen sich ihm in den Weg und fechten durch, was so in den Geschichtsbüchern steht: "Über 100.000 Menschen kamen am 26. und 27. Juli 1986 zum Anti-WAAhnsinns-Festival nach Burglengenfeld."

Sie gehörten zum Burglengenfelder Jugendzentrum, hatten der damals im Bau befindlichen Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf ihre Gegnerschaft erklärt und waren zunächst federführend mit beteiligt, als vor 1986 bereits vier kleinere Musikveranstaltungen ausgerichtet worden waren. Dann aber fassten Arthur Theisinger, Renate Reichel und Walter Dürr etwas ganz Großes ins Auge. Sie wollten ein paar zehntausend Menschen auf den am westlichen Stadtrand Burglengenfelds liegenden Lanzenanger bringen und dazu die Elite der deutschen Rockmusik engagieren. Welch ein Unterfangen für die gerade einmal 25 Jahre alten Oberpfälzer, zu denen sich auch noch Helmut Ertl und der zwischenzeitlich verstorbene Jürgen Reichel gesellten.

Prominente Künstlerliste


Im Januar 1986 starteten die Vorbereitungen. "Mit einer Telefonrechnung von über 1000 Mark, die mein Einkommen als Zivildienstleister bei weitem überstieg", erinnert sich Walter Dürr 30 Jahre später. Doch die Organisatoren, ermächtigt dazu von den Leuten aus dem Jugendzentrum, ließen nicht mehr locker. Sie ahnten freilich keineswegs, welche Steine ihnen die CSU-Staatsregierung in den Weg werfen würde.

Je näher der Termin im Juli rückte, desto prominenter wurde die Künstlerliste. Erst Wolfgang Niedecken und seine Band BAP, dann Herbert Grönemeyer, Wolf Maahn, Wolfgang Ambros, die Toten Hosen, Anne Haigis, Rio Reiser, Udo Lindenberg. Sie spielten später alle ohne Gage. "Wir hatten allerdings professionelle Unterstützung durch zwei namhafte Agenturen", erzählt Arthur Theisinger.

Was dann kam, waren von München aus gesteuerte behördliche Schikanen, die schlichtweg ans Unglaubliche grenzten. "Anfangs wollten wir das Festival in der Nähe von Wackersdorf machen", weiß Renate Reichel bis heute. Doch daraufhin wurde unverzüglich eine sogenannte Bannmeile um das WAA-Gelände angeordnet. Abstandsgrenze: 20 Kilometer. Die Burglengenfelder ließen sich nicht entmutigen. "Dann machen wir es eben hier bei uns", beschlossen sie.

Auf keinen Fall


Der Spießrutenlauf ging weiter. Franz Josef Strauß, damals Ministerpräsident, wollte dieses Festival auf keinen Fall und schon im Vorfeld war (wie seinerzeit üblich) zu vernehmen, dass da irgendwelche Kommunisten und Chaoten ihr Ränkespiel gegen den technischen Fortschritt atomarer Energie trieben. Kommunisten? Es waren junge Leute, die sich um die Zukunft ihrer Heimat sorgten und mit dem späteren Festival eine Tat vollbrachten, die ihre Namen für immer mit einem der größten Musikereignisse in Verbindung bringen, die jemals auf deutschem Boden stattfanden.

Mit der unverhofft kommenden Stimme eines jungen CSU-Mannes, der die Parteimeinung ignorierte, genehmigte der Burglengenfelder Stadtrat das Festival. Postwendend wurde aus München grollend die Absicht eines Verbots angekündigt. Der Stadtrat tagte erneut, wieder mit einer Genehmigung. Die setzte allerdings der damalige CSU-Bürgermeister außer Kraft, weil "Gefahren für Leib und Leben drohten". Die Organisatoren, damals in dem eigens gegründeten "Verein zur Förderung kultureller Jugendarbeit in Europa" vereint, hatten zu diesem Zeitpunkt bereits 60 000 Karten abgesetzt.

Strauß und seine Parteigetreuen ließen nichts unversucht, um die Sache zu kippen. Das Schwandorfer Landratsamt aber hatte die Rechtmäßigkeit des Stadtratsbeschlusses bestätigt. Parallel dazu griffen Dürr, Theisinger und Reichel zu einer juristischen Maßnahme. "Wir wollten eine einstweilige Verfügung vom Verwaltungsgericht in Regensburg", berichten sie. Fehlanzeige, Ablehnung.

Eine Niederlage


Also wurde vor den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München gezogen. Der schickte Richter nach Burglengenfeld und signalisierte Einverständnis. "Allerdings nur für eine Teilnehmerzahl von 35 000", wie die Festivalmacher in Erinnerung behalten haben. In Wartestellung befand sich damals bereits Anwalt Otto Schily. Er hätte die Interessen der Organisatoren beim Bundesverwaltungsgericht vertreten.

Die Zeit drängte. Es musste noch vieles organisiert und aufgebaut werden. Gewiss war: Die bayerische Staatsmacht hatte eine Niederlage einstecken müssen. Doch sie stellte angesichts dieser Tatsache weitere Hürden in den Weg und schickte 6000 Polizisten zu Kontrollen in die Stadt an der Naab. Dort kursierten zu dieser Zeit schauerliche Prognosen. Kriegsähnliche Zustände wurden prophezeit. Geschäftsleute vernagelten ihre Schaufenster mit Brettern. Doch es geschah nichts.

35 000? Als das Festivalwochenende anbrach, kamen immer mehr. Massenzustrom aus ganz Europa. "Was tun wir?", fragte Arthur Theisinger einen hohen Polizeiführer, als die vorgegebene Zahl erreicht war. "Reinlassen", antwortete der Uniformierte. Als nicht lange darauf Hubschrauber über dem Lanzenanger kreisten, ging selbst die Exekutive von über 100 000 Menschen aus. "Woodstock in Deutschland", wie man das denkwürdige Ereignis bis heute nennt.


Die toten Hosen - Bis zum bitteren Ende Live - Anti WAAhnsins Festival 1986 - Ausschnitt aus dem Wackersdorf-Film von 1987.

Weitere FestivalsAls sich der Burglengenfelder Lanzenanger nach dem denkwürdigen 5. Anti-WAA-Festival geleert hatte, waren bereits Gedanken vorhanden, weitere solcher Rockspektakel zu veranstalten. Von der Besetzungsliste her war dann das siebte und letzte Festival abermals mit prominenten Namen bestückt.

Am 15. und 16. Juli 1989 reiste die legendäre britische Band Ten Years After, damals noch in ihrer Originalbesetzung, in die Oberpfalz. Wolf Maahn trat abermals auf, auch der heute 71-jährige schottische Sänger Al Stewart war mit dabei. Zum Lanzenanger kam aber auch wieder Udo Lindenberg. Es war sein zweites Gastspiel nach 1986.

Die Zuschauerzahl reduzierte sich 1989 auf ein paar Tausend. Der Kampf gegen die Wiederaufarbeitungsanlage war vorüber, es musste nicht länger gegen das gigantische Atomprojekt bei Wackersdorf protestiert werden.

Ministerpräsident Franz-Josef Strauß lebte nicht mehr, sein Nachfolger Max Streibl zeigte kein gesteigertes Interesse an der Milliarden kostenden Maßnahme. So kam es, dass der Bau wenige Monate vor dem 7. Anti-WAA-Festival eingestellt wurde.

"Der Widerstand war eine Sache, für die wir alle gemeinsam gekämpft haben", sagte später Sänger Campino von der Band Die Toten Hosen. Er sprach den Oberpfälzern aus der Seele.



Verdamp lang her by Onetz on Exposure

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