"Ein sterbender Mann"
Martin Walser stellt neuen Roman mit Co-Autorin vor

Martin Walser zeigte sich begeistert, dass von dem Mitwirken von Thekla Chabbi bis zur Buchveröffentlichung fast niemand etwas mitbekommen hat. Bild: Pöhnl
Kultur
Cham
15.01.2016
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Martin Walser hat einen neuen Roman geschrieben. Hat wirklich er ihn geschrieben? Offensichtlich nicht von der ersten bis zur letzten Zeile. In Cham jedenfalls, dem zweiten Ort nach dem Münchner Literaturhaus, wo er das druckfrische Buch "Ein sterbender Mann" vorstellt, betont er "mit besonderer Freude", dass es eine Mitschöpferin namens Thekla Chabbi gibt.

Die Dame, von der nicht recht viel mehr bekannt ist, als dass sie Sinologin ist, leidenschaftlich gerne Tango tanzt und früher mit dem Schlagersänger Guildo Horn verheiratet war, sitzt denn auch von Anfang an neben ihm auf dem Podium. Das überaus zahlreich in die Buchhandlung Rupprecht geströmte Publikum erlebt also eine Art "Enthüllungsgeschichte", von der selbst der Rowohlt Verlag bis kurz vor Drucklegung nichts weiß.

Keine Einwände zugelassen


Man merkt Walser die diebische Freude an, mit der er womögliche Einwände gegen ein solches Verfahren der Co-Autorenschaft hinwegfegt. Etwa mit dem entwaffnenden Satz "es ist doch schön, wenn etwas Schönes passiert".

Das alles findet allerdings erst in der von Maria Rupprecht sehr sympathisch moderierten Gesprächsrunde im zweiten Teil des Abends statt. Davor steht ja noch die Vorstellung und Lesung aus dem Buch. Sie gerät beinahe zur Nebensache bei dieser überaus amüsanten und viel über das Schreiber-Handwerk verratenden Veranstaltung. Um was also geht es in dem neuen Roman? Um die "Geschichte meines Sturzes" schreibt das 72-jährige Alter Ego namens Theo Schadt des in Wahrheit 88-jährigen Autors Martin Walser, der sich schon immer gerne hinter erfundenen Figuren versteckt hat. Diesmal ist es der Inhaber einer eigentlich recht erfolgreichen Firma "Patente & mehr", der im Grunde nichts anderes tut als ein Schriftsteller, nämlich Kapital aus geistiger Urheberschaft zu ziehen.

In diesem Fall dadurch, dass er Firmen gründet, die ihm angebotene Patente zur Serienreife bringen. Etwa den elektrischen Papierkorb oder die selbst auslösende Kinderwagen-Bremse. In solchen Passagen beweist Walser seinen beträchtlichen satirischen Schalk, seinen Sinn für Skurrilität, was seine Bücher stets zu einem Lesevergnügen macht. Auch wenn es im Grunde um dramatische Dinge geht. So auch bei Theo Schadt. Denn: Durch den Verrat eines sehr guten Freundes, eines snobistischen Lyrikers, verliert er nicht nur sein Vermögen, sondern gerät in eine tiefe Lebenskrise. Er wird "ein sterbender Mann", so ja auch der Romantitel. Er treibt sich auf Selbstmörder-Foren im Internet herum und lernt dort eine "Aster" kennen. Die bleibt zwar immer nur virtuell, dazu kommt aber noch eine leibhaftige Tangotänzerin Sina, mit der sich ein reger E-Mail-Wechsel entwickelt.

An dieser Stelle des Abends kommt es nun zu Thekla Chabbis Auftritt. Denn sie liest eines dieser Schreiben der Sina vor, durchaus Routine verratend in dieser Art Vortragskunst. Die Passage erzählt von einer Algerien-Reise, die zu den Wurzeln der erfundenen Figur Sina führt. In der anschließenden Plauderrunde ist es dann wieder Martin Walser, der mit sichtlichem Vergnügen erzählt, dass er für diese Textstelle von zwei wichtigen Stimmen der Literaturszene bereits besonders gelobt worden sei. Nur, sie stammt eben nicht von ihm. Geschrieben hat sie tatsächlich Thekla Chabbi. Bisher habe nur ein einziger Kritiker bemerkt, dass es da einen gewissen Stilbruch im Buch gebe und bestimmte Passagen gar nicht von Walser sein können, führt der Autor aus, dem kleine Sticheleien gegen die Rezensentenzunft schon immer besondere Freude machten. Indes wer bei der zweifachen Lesung genau zuhört, kann schon bemerken: der berühmte Walser-Ton und der bislang unbekannte Chabbi-Ton sind halt doch zweierlei.

Nicht immer geht es so fugenlos in eins wie bei Goethes Gedichtsammlung "West-östlicher Diwan", in die der Meister seinerzeit einige Gedichte von Marianne von Willemer einschmuggelte, was bis lange nach seinem Tod unentdeckt blieb. Er machte seine Co-Autorin aber auch nicht öffentlich.

Parallele zu Goethe


Anders Walser, der diese Goethe-Parallele natürlich anführen muss, schließlich ist er ja Autor des Goethe-Romans "Ein liebender Mann". Er habe sich entschlossen, seine Mitschöpferin nicht nur im Buchvorspann zu nennen, sondern sie auch auf seiner Lesereise zu präsentieren.

Kennengelernt hat Martin Walser Thekla Chabbi bei einer Podiumsdiskussion mit Übersetzern, zu der sie eben in ihrer Eigenschaft als Sinologin eingeladen war. Er erzählte ihr von seiner damaligen Arbeit am Manuskript "Ein sterbender Mann", sie gab ihm unter anderem Tipps zu den Selbstmörder-Foren. Er zeigte ihr erste von ihm erfundene Einträge seines Romanhelden in einen solchen Chat, sie reagierte als ebenfalls fiktive "Aster", und fertigt war das literarische Rollenspiel.

"Ein Roman von zwei Autoren, das hat es noch nie gegeben", verkündet Walser stolz. Das dürfte zwar literaturgeschichtlich kaum zu halten sein, man denke nur an die etlichen Autoren-Duos, die Krimis schreiben. Aber Martin Walser ist so gut gelaunt bei dieser Vorstellung, dass man sie ihm wahrlich nicht zerstören möchte.
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