18-Jährige kämpft vor Gericht um Schmerzensgeld und Schadensersatz - neunte Operation steht an
Spätfolgen eines Hundebisses

Symbolbild: dpa
Weiden/Weiherhammer. (ca) Der Vorfall liegt acht Jahre zurück. Am 21. August 2007 war in Weiherhammer ein zehnjähriges Mädchen von einem Hund derart heftig in das Gesicht gebissen worden, dass der Oberkiefer brach. Der Golden Retriever riss dem Kind knapp unter dem Auge fast die ganze linke Wange weg.

Damals war eine sechsstündige Notoperation nötig. Insgesamt ist das Mädchen acht Mal operiert worden. Jetzt, im September 2015, steht der nächste Operationstermin zur Narbenkorrektur bevor. Die Narben sind bis heute zu sehen. Schlimm genug, sollte man meinen. Jetzt blieb der 18-Jährigen der Gang vor Gericht nicht erspart.

Sie klagte am Montag vor der 1. Zivilkammer auf Schmerzensgeld und Schadenersatz. Hintergrund: Die Hunde-Haftpflichtversicherung des inzwischen verstorbenen Hundehalters macht jetzt, nach so vielen Jahren, plötzlich Schwierigkeiten bei der Kostenerstattung. 20 000 Euro Schmerzensgeld sind bezahlt. Damit soll es gut sein. Ein "Dauerschaden" wird von der Versicherung bestritten.

Für die 18-Jährige, begleitet von ihren Eltern, ist das nicht akzeptabel. Es ist nicht gesagt, dass die Operation im September die letzte sein wird. Konkret forderte Rechtsanwältin Marion Schütz daher weiteres Schmerzensgeld von mindestens 10 000 Euro plus 700 Euro materiellen Schadenersatz. Dabei handelt es sich um Salben sowie Fahrtkosten in Augenklinik, Gesichtschirurgie und zum Psychologen. All das hatte die Versicherung nicht bezahlt, weil sie die "medizinische Notwendigkeit" dafür nicht sah. Außerdem wollte die Anwältin die Feststellung erreichen, dass eventuelle weitere materielle Schäden in Zukunft zu ersetzen sind.

Fünf-Zentimeter-Narbe

"Darf ich Sie mal anschauen?", bat Richter Viktor Mihl die Klägerin an den Richtertisch. Die 18-Jährige ist ohne Frage eine hübsche junge Frau, aber die etwa fünf Zentimeter lange, sichelförmige Narbe an der Wange ist ohne Makeup deutlich zu sehen. Unter dem Auge befindet sich eine zweite, noch längere Narbe, aktuell durch ein Pflaster verdeckt. Erst vor drei Wochen ist die 18-Jährige an der Uniklinik Erlangen dort operiert worden. Ziel: die Narben verschwinden zu lassen. "Ist das erfolgversprechend?", wollte Mihl wissen. Ziel sei, dass irgendwann nichts mehr zu sehen sei, erklärte die 18-Jährige. Aber dafür gibt es keine Garantie: Nach der letzten Narbenkorrektur war das Ergebnis schlechter als zuvor.

"Ich bin ein junges Mädchen, ich will auch irgendwann mal ganz normal ausschauen", sagte die Auszubildende. "Wenn ich in den Spiegel schaue, kommt das Ganze wieder hoch." Als Zehnjährige habe sie damals zwei Freundinnen besucht. Der Hundehalter kam mit dem Golden Retriever vorbei, einem auch nach Aussagen der Beklagten "sehr liebem Hund", der vorher nie jemandem etwas getan hatte. Die Freundinnen kannten den Hund und fragten, ob sie ihn streicheln dürften. "Der tut nichts", ermunterte sie der Hundehalter. Als die Zehnjährige ihn auch streichelte, biss der Vierbeiner urplötzlich zu. Die Angst vor Hunden habe sie nie wieder ablegen können.

Der Richter schlug den Parteien einen Abgeltungsvergleich vor. Er stellte die Summe von 50 000 Euro in den Raum, mit denen dann alles abgegolten sei. Vorteil des Vergleichs für die Versicherung: Es käme nichts mehr nach. Der Vorteil für die Geschädigte: Sie hätte eine relativ hohe feste Summe zur Verfügung, ohne bei der Versicherung künftig hinter jeder Rechnung herlaufen zu müssen.

"Zu hoch gegriffen", protestierte die Anwältin der Versicherung, Karin Schäffer. Sie schlug maximal 17 000 Euro vor. "Definitiv zu wenig", protestierte die Anwältin der Gebissenen und nannte als "Hausnummer" 35 000 Euro.

Sollten sich die Anwältinnen nicht noch auf einen Vergleich einigen, wird Richter Mihl am 22. Juni um 10 Uhr seine Entscheidung verkünden. Ein Abgeltungsvergleich ist dann allerdings nicht möglich. Mihl stellte mindestens weitere 10 000 Euro Schmerzensgeld in Aussicht plus den Feststellungsantrag für künftige Kosten. Und so ganz verstand er nicht, wie man an der medizinischen Notwendigkeit von Gesichtschirurgie, Augenklinik und Psychotherapie zweifeln möchte, nachdem ein Hund ein Kind mit solchen Folgen ins Gesicht gebissen hat: "Manchmal wundert man sich als Richter, dass eine Versicherung zahlt. Und manchmal, dass sie nicht zahlt."

"Großes Bedauern"

Den Nachfahren des vor zwei Jahren verstorbenen Hundehalters ist das Verhalten der Versicherung unangenehm. Mutter und Tochter sind am Montag vor Gericht erschienen, auch wenn sie das nicht müssten. "Das Schicksal der Klägerin geht ihnen sehr nahe", sagte Anwältin Karin Schäffer. "Es herrscht großes Bedauern über das, was geschehen ist." Den Golden Retriever, einen "Familienhund", hat der Besitzer am Tag nach dem Biss einschläfern lassen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.