25 Millionen Tonträger

Die Diva ist müde, kratzbürstig und nicht sonderlich gesprächig. Wenigstens zu Beginn. Kein Wunder, denn das Telefonat findet um 18 Uhr Mitteleuropäischer Zeit statt. In Los Angeles bedeutet das 9 Uhr in der Früh. Nicht optimal fürs Blind Date.

Macy Gray hat allerdings unabhängig von Uhrzeiten seit Jahren den Ruf weg, eine komplizierte Talk-Partnerin zu sein. Als launisch ist sie verschrieen, mufflig und wortkarg. Die 47-jährige R & B-Sängerin aus dem US-Bundesstaat Ohio, seit mehr als 15 Jahren in Kalifornien ansässig, glänzt durch ein schillerndes Dasein in der Öffentlichkeit wie im Privatleben. Gleichzeitig glänzt sie durch eine fulminante Soul-Stimme, die ihrem großen Vorbild Aretha Franklin an Ausdrucksstärke in nichts nachsteht, sowie durch Songs von einer innigen, geradezu erschütternden Emotionalität, die im Black Music-Bereich ihresgleichen suchen.



"The Way" (Rough Trade) nennt sich Macy Grays aktuelles achtes Album, es steht den Vorgängern an Leidenschaft in nichts nach. Seit dem Karrierebeginn 1999 mit dem umwerfenden Debüt "On How Life Is" passierte jede Menge im Leben der Ausnahme-Artistin, sie verkaufte mehr als 25 Millionen Tonträger weltweit und wurde mit den renommiertesten Musiker-Preisen wie "Grammy", "MTV"- und "Brit"-Award ausgezeichnet. Zudem verpasste sie reichlich benebelt ihren Einsatz während des Absingens der amerikanischen Nationalhymne in der "Pro Football Hall Of Fame" 2001, indem ihr manche Textzeile entfiel, was in den Vereinigten Staaten an Blasphemie grenzt, wofür sie vom Publikum gnadenlos ausgebuht wurde.

Auch ihre turbulente Ehe mit dem zwielichtigen Bauunternehmens-Berater Tracy Hinds zwischen 1996 und 1998, aus der drei Kinder hervor gingen, hielt nicht mal drei Jahre. "Daher habe ich meine neue Scheibe "The Way" betitelt", murmelt Gray schwer verständlich in den Telefonhörer, "damit ich den Leuten da draußen mitteile, wie es in meinem aktuellen Dasein aussieht. Zwar waren meine Texte seit jeher von intimer Natur. Aber dieses Mal bin ich extrem tief in mein Innenleben vorgedrungen. Mir graut schon davor, wenn ich die neuen Songs auf meiner Tour nächstes Jahr Abend für Abend singen muss. Bei einigen davon breche ich wahrscheinlich jedes Mal in Tränen aus."

In der Tat klingen die meisten Verse von "The Way" oberflächlich optimistisch, bei näherem Zuhören allerdings oft wehmütig und zwischendurch tieftraurig, weil sie schon mal vom Verlust der großen, allumfassenden Liebe erzählen oder von der Wucht des Alters. "Wahrscheinlich bin ich ein trauriger Clown, eine ausgelassene Melancholikerin", sinniert die Lady mit dem wüsten Wuschelkopf. "Ich befürchte, das liegt daran, dass ich eine Vollblut-Frau bin, was zur Folge hat, dass ich wenig mit dem Hirn denke, umso mehr mit dem Herzen. Und ab und zu auch mit dem Unterleib", fügt Gray giggelnd hinzu. "Meine Liebe zum erotischen Nahkampf mit Männern hat mir nicht eben wenige Probleme eingebracht."

Tolle Sängerin

Ihre sexy Ausstrahlung war für Macy Gray jedenfalls nie eine Image-Angelegenheit, wie sie am Telefon - mit einem Mal doch gesprächig geworden - eindringlich betont, "sondern einfach nur das pure Vergnügen am Körperlichen. Ich stehe auf elegante Sexiness wie etwa die von Marilyn Monroe", gurrt sie, "mit Dumpfbacken-Erotik wie der von Miley Cyrus habe ich nichts am Hut. Es geht um Klasse und Stil! Und überhaupt möchte ich zunächst mal als tolle Sängerin wahr genommen werden, nicht als Vamp. Das ist aber nicht einfach als Frau - da wir ehrlicher schreiben als die männlichen Kollegen, sind wir verletzbarer als diese. Manchmal schmerzt dieser Umstand sehr."

Schwieriger Prozess

Kein Wunder bei so viel persönlicher Aufarbeitung und Grübelei, dass Macy Gray für die Fertigstellung von "The Way" nahezu drei Jahre Zeit brauchte. "Es ist richtig, dass die Finalisierung dieser Scheibe ein schwieriger Prozess war, äußerst knifflig", gibt sie unumwunden zu. "Zwar habe ich stet für Texte mehr Inspiration vom Außenleben bekommen - aber die so gewonnenen Eindrücke reflektiere ich dann, integriere sie in meine ureigene Welt. Und mit einem Mal bilden sie meine ureigene Welt ab. Ich fürchte, dass ich ein ziemlich merkwürdiger Mensch bin. Für einen seriösen Künstler ist das freilich der beste Umstand der Welt."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.macygray.com
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