49 Übergangsklassen mit 689 Schülern
Kein Flucht-Notstand in Schulen

Hier hat die Schule am Montag schon begonnen: Ältere Berufsschüler überreichen sechs Jugendlichen aus Syrien, Eritrea und Polen an der Kreisberufsschule in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) kleine Schultüten und Informationspakete als symbolischen Willkommensgruß. Bild: dpa
Weiden/Regensburg. Rund 50 000 Flüchtlingskinder in Bayern überfordern die Schulen, warnt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Das sehen nicht alle so. Aus der Oberpfalz kommen andere Töne.

"Stand jetzt sind wir versorgt", hält Richard Glombitza, Bereichsleiter Schulen bei der Regierung der Oberpfalz dagegen. Die Zahlen müsse man differenziert sehen, erklärt der gelernte Volks- und Hauptschullehrer aus Sulzbach-Rosenberg. Heruntergebrochen auf die Oberpfalz "haben wir 49 Übergangsklassen mit 689 Schülern", sagt Glombitza. "Wir können getrost dem Schuljahr entgegen sehen."

Um die Neuankömmlinge bestmöglich zu betreuen, fehle es den Schulen an Personal und Geld, meint dagegen BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Sie hätten "so gut wie keine" Ressourcen mehr. "Als Berufsstandsvertretung muss der BLLV das sagen", zeigt Glombitza Verständnis. Er könne nur mit den "derzeitigen Zahlen planen" und sich über mangelnde Unterstützung aus dem Kultusministerium nicht beklagen.

Laut Ministerium sind für das kommende Schuljahr an Berufsschulen 147 zusätzliche Lehrer für die Vorbereitungsklassen für Flüchtlinge vorgesehen. Dabei handelt es sich nicht um zusätzlich geschaffene, sondern um umgewidmete Lehrerstellen. Wie im vergangenen Schuljahr sind etwa 420 Lehrer eingeplant für Klassen, die wegen eines hohen Migrantenanteils - ab 50 Prozent - geteilt werden. Kleinere Klassen erleichtern dann den Unterricht. Die Zahl der Übergangsklassen an Grund- und Mittelschulen für schulpflichtige Flüchtlinge und Asylbewerber wird von 375 auf 470 erhöht.

Kultus- und Sozialministerium verweisen darauf, dass nicht alle Flüchtlingskinder gleich zu Beginn eingeschult werden. "Die Schulpflicht beginnt erst drei Monate nach der Ankunft", sagt eine Sprecherin. "Die kleineren Kinder kommen zunächst in Vorkurse", ergänzt Glombitza. Der erste Kontakt mit der neuen Sprache sei der wichtigste: Deshalb habe die Regierung je eine Lehrkraft in den Erstaufnahmeeinrichtungen installiert, um die jungen Neuankömmlinge früh mit Deutsch zu konfrontieren. "Um flexibel reagieren zu können, bekommen wir mehr Deutsch-Förderstunden sowie 108 Stunden für die Übergangsklassen im Grund- und Mittelschulbereich."

Große Fluktuation

Im nächsten Jahr gebe es einen erheblichen Anstieg an Übergangsklassen - mit Schwerpunkt in Regensburg, wo in der Stadt 12 und im Landkreis 16 gebildet wurden. "Aber wir haben die Flüchtlingskinder auch in die Klassenbildung miteinbezogen", sagt Glombitza. Die größte Herausforderung für die Schulen sieht er in der "großen Fluktuation - es kommen und gehen oft ein Drittel der Schüler".

Die Grund- und Mittelschule sei für die potenziellen Neubürger die erste schulische Station. "Ziel ist, über die Deutschförderung den fließenden Übergang in Normalklassen zu gewährleisten." Erst danach könne man den Weg in weiterführende Schulen ebnen. Einen Sonderweg beschreitet die Regierung bei Flüchtlingsklassen in Berufsschulen: "Am 12. Februar hatten wir 15 Flüchtlingsklassen", zeichnet Glombitza den Trend nach, "bis Ende des Schuljahrs werden es 25 sein." Die unbegleiteten 15- bis 21-Jährigen sollen dort zunächst über die Sprachförderung fit gemacht werden für die neue Heimat, sich in Schnupperpraktika aber auch beruflich orientieren. "Im zweiten Jahr ist es dann eine Mischung aus Sprachintensivkurs und Praktika vorwiegend im handwerklichen Bereich und in Pflegeberufen."

Dafür habe man zusätzlich Personal bekommen, etwa eine Koordinatorin, die - angesiedelt bei der Regierung - Lehrkräfte und Lehrgänge einteile. "Den Großteil schultert aber die Berufsschule vor Ort." Besonders wichtig sei die Vernetzung, weil erfahrene Kräfte, wie Studiendirektor Werner Nagler von der Berufsschule Schwandorf, ihr Know-how einbringen könnten. Da außerdem die meisten Berufs- und Mittelschullehrer keine Ausbildung in Deutsch als Fremdsprache hätten, habe man zusammen mit Professor Rupert Hochholzer von der Uni Regensburg ein achtmoduliges Projekt aufgesetzt. "Dabei geht's nicht nur um Deutsch als Fremdsprache, sondern auch um interkulturelle Kommunikation", sagt Glombitza. Auch Schulpsychologen seien gefragt, um traumatisierte Jugendliche zu begleiten.

Umschulung angeboten

Auch bei einer weiteren BLLV-Forderung sieht sich der Beamte auf einem guten Weg: "Wir bieten besonders Englisch-, Deutsch- und Mathematik-Lehrern an Gymnasium und Realschule über ein Sonderreferendariat an, sich auf die Mittelschule vorzubereiten." Vor allem Aspiranten, die schon als mobile Reserven Erfahrung hätten, seien hier von Vorteil. "Wir haben auch Gymnasialreferendaren in begrenzter Anzahl nach dem Studium angeboten, gleich ins Referendariat Berufsschule einzusteigen."

Engpässe in Zusatzangeboten wie Flöten- oder Begabtenförderstunden, seien bisher die Ausnahme, sagt der Bereichsleiter. Konflikte mit Eltern seien ihm nicht bekannt: "Es besteht großes Verständnis, dass wir erst einmal diese Herausforderung stemmen müssen." Ein langfristige Prognose bei gleichbleibendem Zustrom von Flüchtlingen möchte Glombitza nicht abgeben: "Ich weiß nicht, wie die Politik die Herausforderung managt - mit den derzeitigen Bedingungen kommen wir zurecht."
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