"Aber nun sehe ich"

US-Präsident Barack Obama hat bei der Trauerfeier in Charleston die nach Beobachtermeinung beste Rede seiner Amtszeit gehalten. Am Schluss singt er "Amazing Grace": "Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, war blind, aber nun sehe ich." Und alle stimmen ein. Bild: dpa

Das Massaker in einer Kirche stürzte Charleston tagelang in tiefste Trauer. Nun kommt "Reverend" Obama und hält die vielleicht eindrucksvollste Rede seiner Amtszeit.

Es war einer der ungewöhnlichsten Tage in der bisherigen Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten der USA. Am Morgen feiert Barack Obama im Rosengarten des Weißen Hauses einen riesigen Triumph für die Bürgerrechte: das nunmehr höchstgerichtlich verbürgte Eherecht für Homosexuelle überall in den USA. Nur rund fünf Stunden später steht Obama in Charleston (South Carolina) nahe dem Sarg eines ermordeten schwarzen Geistlichen - einem Symbol dafür, was immer noch nicht richtig ist in dieser großen Nation.

Vor fast 6000 Menschen im Raum und zahllosen anderen vor dem Fernsehbildschirm daheim stimmt Obama "Amazing Grace" an - das Lied über die "erstaunliche Gnade" Gottes in schweren Zeiten, das schon den Sklaven in den USA Kraft und Hoffnung gab. Obama setzt damit den Schlusspunkt einer kraftvollen und doch einfühlsamen Trauerrede, in der er beklagt, dass Rassismus in den USA immer noch nicht der Vergangenheit angehört. Aber zugleich vermittelt er eine Botschaft der Hoffnung, verheißt einen Sieg über Hass und Vorurteile - dank "Amazing Grace" - der erstaunlichen Gnade Gottes.

Emotionale Momente

Selten habe ein einzelner Tag so komplett die emotionalen Höhepunkte und Tiefstpunkte der Obama-Präsidentschaft widergespiegelt, schrieb die "Washington Post" am Samstag. Hier ein Sieg, da tiefe Traurigkeit - am Ende alles tröstend verknüpft: Sogar viele Fernsehkommentatoren waren von Obamas Rede so beeindruckt, dass sie nach den richtigen Worten suchten.

Der Präsident ist gut eine Woche nach dem Massaker an neun Afroamerikanern in einer Methodistenkirche nach Charleston gekommen. Seine Traueransprache in einer Sportarena gilt Pastor Clementa Pinckney, der zu den Opfern des Amoklaufes eines 21-jährigen hasserfüllten Weißen zählt. Obamas Rede wirkt über weite Strecken wie eine Predigt, versöhnlich, tröstend. Zugleich aber redet der Präsident nicht um den heißen Brei herum, zählt auf, was sein Land nach seiner Meinung noch immer nicht richtig sieht, welche Lehren aus der schrecklichen Bluttat gezogen werden müssen.

Hatte sich Obama als "Präsident aller" anfangs in seiner Amtszeit eher zurückhaltend zum Thema Schwarz-Weiß in Amerika geäußert, streift er nun zunehmend Fesseln ab. "Zu lange sind wir blind gewesen gegenüber dem einzigartigen Chaos, das Waffengewalt dieser Nation zufügt", ruft er der Trauergemeinde und zugleich der Nation zu. "Zu lang waren wir blind gegenüber dem Schmerz, den die Konföderierten-Flagge in zu vielen unserer Bürger auslöste", sagt er mit Blick auf die Kontroverse um das Symbol für die Sklaverei-Verteidiger in den Südstaaten. "Zu lang waren wir blind gegenüber der Art, wie vergangene Ungerechtigkeiten die Gegenwart weiterhin prägen." Dem Täter, der am 17. Juni während einer Bibelstunde in einer Schwarzenkirche geschossen hatte, entzieht Obama die Bühne. Der Todesschütze sei mit seinem Vorhaben gescheitert, das Land zu spalten. "Der von Hass geblendete, mutmaßliche Mörder konnte die Gnade nicht sehen, die Pfarrer Pinckney und diesen Bibelkreis umgab", erklärt der Präsident. Der Täter habe nicht damit gerechnet, dass die Hinterbliebenen der Opfer mit Vergebung reagieren und dass die USA die Bluttat als Anstoß zur Selbstprüfung nutzen würden.

Erstaunliche Gnade

Die Trauernden reagieren mit lautstarker Zustimmung, sagen immer wieder "Amen", klatschen Beifall, lachen auch manchmal und singen. So fallen die Tausenden Gläubigen denn auch ein, als Obama sein "Amazing Grace" anstimmt. Gemeinsam singen sie die Zeilen, die übersetzt so lauten: "Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, war blind, aber nun sehe ich."
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