Absturz nach 23 Minuten

In der Ankunftshalle des Flughafens von Sankt Petersburg legen zahlreiche Menschen Blumen und Plüschtiere nieder oder zünden Kerzen an. Bild: dpa

Die Passagiere waren dem ungemütlichen russischen Herbst entflohen, machten Urlaub in Ägypten. Beim Rückflug kommt es zur Katastrophe. Russland wartet bestürzt auf 224 Todesopfer.

Das kleine Mädchen schaut fragend auf das Meer aus roten Nelken und Teddybären. Seine Mutter hat gerade etwas dazugelegt. Sie kniet sich neben ihre Tochter und erklärt. Vermutlich, dass hier - in der Ankunftshalle des Flughafens in St. Petersburg - eigentlich entspannte russische Urlauber ankommen sollten, die aber auf dem Weg in ihre Heimat verunglückten. Und starben. Fernsehaufnahmen zeigen, wie Mutter und Kind nach einem Moment der Stille gehen.

Auf halbmast

Das schwerste Unglück in der Geschichte der russischen Luftfahrt mit 224 Toten bestürzt das Riesenreich. Präsident Wladimir Putin erklärte den Sonntag zum Tag der Trauer. Viele Veranstaltungen sind abgesagt, Sportler spielen landesweit mit einer schwarzen Schleife am Arm. Vor dem Kreml und der Staatsduma wehen die Fahnen auf halbmast. Das Staatsfernsehen unterbricht sein Programm immer wieder für Fotos der Gestorbenen. Oft sind die Bilder vom Strand, während des Urlaubs in Ägypten stolz hochgeladen.

Flug KGL 9268 stürzte am Samstagmorgen über der ägyptischen Sinai-Halbinsel ab - alle Insassen, unter ihnen 24 Kinder, kamen ums Leben. Die Linie, die die Flugroute auf der digitalen Karte bei "Flightradar24.com" nachzeichnet, endet unvermittelt. Etwa 23 Minuten nach dem Start im Urlaubsort Scharm el Scheich am Roten Meer zerschellt der Airbus A-321 in der Wüste.

Fotos zeigen das zerstörte Wrack der sibirischen Gesellschaft Kolavia in einer kargen Landschaft. Teile sind verkohlt, inmitten des Wusts an Kabeln und Isoliermaterial liegt eine blaue Jacke. In der Unruheregion - zu weiten Teilen militärisches Sperrgebiet - operiert auch ein Ableger der Terrormiliz IS, die das Flugzeug zum Absturz gebracht haben will. Eine Tat, die Experten zufolge allerdings weit über den Möglichkeiten der Extremisten zu liegen scheint.

Der russische Militärexperte Igor Korotschenko erklärt, für den Abschuss einer Maschine in rund 10 000 Meter Höhe besitze der IS wohl nicht die nötigen Waffen. "Was höher fliegt als etwa 4500 Meter, ist für sie ziemlich sicher nicht erreichbar", erläuterte er. Gewissheit über die Ursache der Katastrophe soll die Auswertung des gefundenen Flugschreibers bringen.

Die Rettungskräfte vor Ort, darunter auch etwa 100 russische Experten, sind geschockt: "Es war schrecklich, absolut schrecklich. Ich kann es nicht in Worte fassen", sagte einer der Männer im Fernsehen. Die Passagiermaschine ist nach Einschätzung Moskauer Behörden vermutlich während des Flugs auseinandergebrochen. "Die Zerstörung ist in der Luft geschehen. Aber es ist zu früh für Schlussfolgerungen", sagte Viktor Sorotschenko von der Untersuchungskommission am Sonntag. Die Teile des Airbus A321 seien auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern verstreut.

Immer neue Verstöße

Regierungschef Dmitri Medwedew nennt das Unglück "eine große Tragödie". Nach jedem Unglück versprechen er und Putin aufs Neue technische Überprüfungen gerade kleiner Fluglinien wie der betroffenen Gesellschaft Kolavia. Denn immer wieder sind Verstöße gegen einfachste Sicherheitsvorkehrungen die Gründe für Unglücke. Bei dem Airbus handelt es sich nach Informationen der Agentur Interfax um eine seit 1997 genutzte Maschine mit mehreren Vorbesitzern. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen Kolavia eingeleitet.

Doch nicht nur für Russland, auch für Ägypten ist das Unglück ein schwerer Schlag. Der Tourismussektor ist für die Wirtschaft des Landes von entscheidender Bedeutung - und leidet unter der instabilen Sicherheitslage. Viele westliche Touristen meiden das Land, Devisen bleiben aus. Russische Urlauber, Branchenberichten zufolge mehr als drei Millionen im vergangenen Jahr, sind deshalb von großer Bedeutung.

Am St. Petersburger Flughafen locken zahlreiche Reisebüros vor dem harten Winter mit günstigen Pauschalangeboten für Reisen ans Rote Meer. Nicht weit entfernt, in einem Hotel am Airport, werden währenddessen die Angehörigen der Opfer betreut. Kraft werden sie besonders heute brauchen. Dann sollen die ersten sterblichen Überreste ihrer Verwandten und Freunde in St. Petersburg eintreffen.
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