Altlasten-Entsorgung im großen Stil notwendig
Alles muss raus

Wenn es richtig rund geht, können täglich 800 bis 1000 Tonnen Erdreich mit 30 Lastzugfuhren abtransportiert werden. Das dauert, weil 75 000 Tonnen veranschlagt sind. Bild: Steinbacher
Amberg. (zm) Die größte Baustelle im Stadtgebiet liegt fast etwas versteckt und sticht auf den ersten Blick nicht gerade ins Auge. In die Nase schon. Denn es geht um Altlasten-Entsorgung im großen Stil.

Acht, neun Meter hat sich der Volvo-Radlader bereits in den sandigen Boden gegraben. Doch da fehlen noch drei, vielleicht auch vier. Schon jetzt mutet es so an, als könnte dem massiven Gerät des Typs L 150 F in kindlicher Freude von der Abbruchkante der Baugrube herab auf die Fahrerkabine gespuckt werden. Da führt aber kein Weg hin. Nicht weil die 25 Tonnen schwere und knapp 300 PS starke Maschine zu weit weg wäre. Es geht nicht, weil auf der Baustelle Staubmasken-Pflicht herrscht.

Schutz ist Pflicht

Gummistiefel, -handschuhe, Einweg-Blaumann und Warnweste sind neben dem üblichen Arbeitsschutz-Accessoires im Tiefbau ebenso Pflicht. Ein umfassendes, Aktenordner füllendes Sicherheitskonzept begleitet diese Maßnahme, die die letzten, unliebsamen Hinterlassenschaften eines bedeutenden Stücks der Amberger Industriegeschichte aus der Stadt schaffen wird.

Das Kommunalunternehmen Gewerbebau steht als Grundstückseigner in der Rechtsnachfolge der früheren Emailfabrik Baumann und damit im Sinne des Verursacherprinzips in der Verpflichtung der Altlasten-Entsorgung. Mit vier bis fünf Millionen Euro wird dieser letzte große bis gewaltige Brocken der Verwertung des Baumann-Areals laut Gewerbebau-Geschäftsführer Karlheinz Brandelik zu Buche schlagen, Fördermittel gibt es keine.

Den Zuschlag für das Projekt hat das in Sulzbach-Rosenberg ansässige Ingenieur- und Sachverständigenbüro Protect Umwelt bekommen. Er kennt sich aus mit den Altlasten in der Gegend, verweist der Geschäftsführer Dipl.-Ing. Walter Pirner beispielsweise auf seine Beteiligung an der Sanierung des Maxhütte-Schlackenberges. Nur einen Steinwurf entfernt war er auch schon tätig. Sein Büro verantwortete die Sanierung der Flächen, auf denen heute das Parkdeck an der Marienstraße und die dazugehörigen Stellflächen angesiedelt sind.

75 000 Tonnen

Jetzt haben Pirner und sein Projektleiter Dipl.-Ing. Daniel Reger einen 75 000-Tonnen-Altlasten-Brocken zu stemmen. Drei große Problembereiche kennzeichnen diesen Auftrag, erzählen sie in ihrem Baucontainer an der Emailfabrikstraße: die Schadstoffe, der Umfang und die Lage des 6500-Quadratmeter-Grundstücks.

Als hochgiftig gelten die zu entsorgenden Phenol- und Naphthalin-Altlasten zwar nicht. Sie haben aber bereits das Grundwasser erreicht und sich raumgreifend im sandigen Erdreich ausgebreitet. "Das ist erwiesen", sagt Pirner und unterstreicht: "Es geht um das Schutzgut Grundwasser. Das liegt im Interesse der Allgemeinheit." Damit begründet sich seiner Auffassung nach von selbst, dass dieser Aufwand getrieben wird.

Da geht noch was

Und der ist gewaltig. Zwölf, dreizehn Meter tief muss in einem Großteil des Areals gegraben werden, um an die Sohle des belasteten Erdreichs zu gelangen, erläutert Rieger als Bauleiter vor Ort eines der Probleme. Am Mittwoch war die abgeböschte Baugrube von ihm geschätzte acht, neun Meter tief, und der Volvo-Radlader, der acht bis neun Tonnen mit einer Schippe packt, hatte gut Platz darin. Das war aber beileibe noch lange nicht die größte Baumaschine, die sich seit Wochen in den sandigen Boden an der Emailfabrikstraße gräbt.

Schwergewichte

40 Tonnen wiegt ein Kettenbagger, der Schaufeldienste verrichtet, und 160 Tonnen bringt ein sogenanntes Großbohrdrehgerät auf die Waage. Der Ausleger misst ausgefahren 27 Meter, der Durchmesser der damit in den Boden getriebenen Löcher liegt bei 1,80 Meter. Viele dieser Maschinen stehen in Deutschland nicht zur Verfügung. Es wundert daher nicht, dass in der Bietergemeinschaft, die den Auftrag bekommen hat, auch das weltweit tätigen Bau- und Umweltunternehmen Bauer mit diesem Gerät vertreten ist.

Die Ammerthaler Englhard-Gruppe repräsentiert die lokale Bauwirtschaft in dieser Bietergemeinschaft. Das Bohrgerät steht auch für das zweite große Problemfeld dieses Projektes. An zwei Grundstücksflanken grenzt unmittelbar die Bebauung mit Dienstleistungskomplexen an. Dort können keine abgeböschten Gruben ausgehoben werden, da käme alles ins Rutschen. Deshalb wird zwölf, dreizehn Meter tief gebohrt, das Erdreich mit einem Korbeimer aus der Führungshülse geholt und mit Trockenbeton aufgefüllt. Das hat dann den Charakter einer Wand.

Bohrgerät rückt ab

Diese Arbeiten werden in wenigen Tagen abgeschlossen sein. Dann müssen sieben Tieflader anrücken, um das Bohrgerät wieder abzuholen. Die Nähe der beiden Bürokomplexe, die von der Sparkasse und der Arbeitsagentur genutzt werden, machten diesen Auftrag für Protect Umwelt noch aus einem anderen Grund diffizil. "Hier gibt es keine andere Möglichkeit, als zu dekontaminieren", beschreibt Rieger die Lage. Das heißt, das schadstoffbefrachtete Erdreich muss offengelegt und abtransportiert werden.

Damit war eine Geruchsbelästigung der Umgebung vorprogrammiert und die Immissionssituation (Ankommen von Beeinträchtigungen wie Lärm, Staub, Gerüche) galt es so gering wie nur möglich zu halten. Auch in all diesen Punkten wurde laut Pirner ein ausführliches Gesamtkonzept entwickelt, das mit allen nur erdenklichen Fachbehörden und zuständigen Stellen abgestimmt wurde. Parallel werde dieser Gesamtprozess von externen Fachbüros mit überwacht.

Keine Schönrednerei

"Es gibt natürlich Beschwerden", räumen Pirner und Reger offen ein. Es solle auch überhaupt nicht schöngeredet oder abgestritten werden, dass sich durch den Lärm und permanent in der Luft liegenden, an Mottenkugeln erinnernden Geruch eine nicht gerade angenehme Beeinträchtigung ergebe. Aber eine Gesundheitsgefährdung schließen beide definitiv aus. Alle bisherigen Untersuchungen externer Gutachterbüros hätten ergeben, dass die erfassten Daten deutlich unter den zulässigen Grenzen liegen. Wer wolle, könne das jederzeit einsehen.

Ende absehbar

"Natürlich wird das bei uns von den Mitarbeitern als nicht gerade angenehm wahrgenommen", sagt quasi für die Immissionsseite Reinhold Dauerer von der Schwandorfer Arbeitsagentur. Sein Haus habe aber noch keine Veranlassung gesehen, sich im Sinne des Wohls der in der Jahnstraße beschäftigten Mitarbeiter zu beschweren. Am Ende stehe ja eine anhaltend bessere Situation. Die ist natürlich auch das Ziel der Gewerbebau. Im Frühsommer dürfte das Dickste überstanden sein, kalkuliert Brandelik. Dann entspanne sich auf jeden Fall erst einmal mit einem Schlag die angespannte Parkplatz-Situation in diesem Bereich und einer Bebauung stehe nichts mehr im Wege, wenn der Bedarf da sei.
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