Am 9. Oktober finden die Proteste in Leipzig ihren Höhepunkt
«Das ist das Ende der DDR»

Mehr als 70 000 Menschen seien am 9. Oktober in Leipzig durch die Straßen gezogen, heißt es in den Berichten über die friedliche Revolution. Bild: dpa

Im September 1989 zieht es die Menschen in der DDR zu den ersten Montagsdemonstrationen auf die Straßen. Die Rufe nach Veränderung werden immer lauter. Am 9. Oktober finden die Proteste in Leipzig ihren Höhepunkt. Die Angst vor einer blutigen Eskalation geht um.

Leipzig. (dpa) Leipzig, 9. Oktober 1989, später Nachmittag: Zwei Männer steigen den Turm der evangelisch-reformierten Kirche am Tröndlinring hinauf. Auf der Kirchturmspitze bringen sie sich mit ihrer Videokamera in Stellung. Es sind der DDR-Bürgerrechtler Siegbert Schefke und der Fotograf Aram Radomski. Sie können nicht fassen, was sie von ihrem Versteck aus beobachten: Tausende Menschen ziehen durch die Leipziger Innenstadt und skandieren «Wir sind das Volk!». Es ist die größte Demonstration in der DDR seit dem 17. Juni 1953.

«Das war wie so ein fernes Donnergrollen, als sich die Massen durch die Straßen bewegten. Es war ja alles ziemlich dunkel draußen, aber wir hörten die Sprechchöre und ahnten, dass da viel, viel mehr Menschen unterwegs sind als bei den Montagsdemonstrationen davor», erinnert Radomski, der heute in Berlin lebt.

«Uns war schnell bewusst, wenn wir diese Bilder in den Westen transportieren, dann wird das ganz Deutschland, ja sogar die ganze Welt verändern», ergänzt Schefke, der heute als Fernsehjournalist für den MDR arbeitet. Als beide ihren heimlich gedrehten Film später dem «Spiegel»-Reporter Ulrich Schwarz übergaben, soll der spontan gesagt haben: «Jetzt rollt Honeckers Kopf.»

Die Bilder von Schefke und Radomski werden ein Tag später in den ARD-«Tagesthemen» ausgestrahlt. Damit sehen erstmals auch Millionen DDR-Bürger, was ihnen die SED-Führung vorenthält. Mit der versteckten Kamera waren Schefke und Radomski schon vorher auf Demonstrationen unterwegs. Nach der Wende wurden sie für ihren Mut mehrfach ausgezeichnet, Schefke unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz.

Mehr als 70 000 Menschen seien am 9. Oktober in Leipzig durch die Straßen gezogen, heißt es in den Berichten über die friedliche Revolution. «Das waren damals nur amateurhafte Schätzungen aus den Reihen der Opposition. Es dürften deutlich mehr gewesen sein», mutmaßt Radomski.

Vorher sei die Sorge umgegangen, es könnte zu einer Eskalation zwischen der DDR-Staatsmacht und den Demonstranten kommen. In den Krankenhäusern waren die Blutkonserven aufgestockt worden. Am Vorabend hatten Oppositionsgruppen noch Aufrufe zur Gewaltfreiheit drucken lassen. Prominente Künstler, darunter Gewandhausdirigent Kurt Masur, trafen sich zudem mit der SED-Bezirksleitung. In einer gemeinsamen Erklärung riefen sie zur Besonnenheit auf.

«Wir hatten echt Angst. Denn kurz vorher waren in China auf dem Platz des Himmlischen Friedens junge Demonstranten vom kommunistischen Regime einfach niedergemäht worden. Und Honecker hatte sich gerade mit dem Oberchinesen getroffen und Bruderküsschen ausgetauscht. Die chinesische Lösung lag buchstäblich in der Luft», erinnert sich Sebastian Krumbiegel, der Frontsänger der Popgruppe «Die Prinzen».

«Als wir von Berlin nach Leipzig fuhren, überholten wir einen NVA-Militärkonvoi. Wir dachten nur, «Was erwartet uns dort?»», erinnert sich Schefke. «In Leipzig war die Stadt voll Polizei. Überall waren behelmte, mit Schlagstöcken bewaffnete Sicherheitskräfte zu sehen», ergänzt Radomski. «Ihr Auftritt war martialisch. Da wurde uns mulmig zumute.»

Als es aber immer mehr Demonstranten wurden, zogen sich die Sicherheitskräfte langsam zurück. «Die Menschen riefen auch «Wir sind keine Rowdys». Das war so friedlich, so kräftig. Jeder schützte jeden durch die Massen, und irgendwann war die Polizei nicht mehr zu sehen», erinnert sich Radomski. «Das Wunder von Leipzig bestand nicht darin, dass es so viele waren, sondern auch, dass kein Schuss viel. Wir hatten Glück», urteilt SPD-Politiker Wolfgang Thierse.

Gut 20 Minuten drehten Radomski und Schefke mit ihrer Videokamera vom Kirchturm aus. Danach schauten sie sich zur Kontrolle die Bilder auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher von Pfarrer Hans-Jürgen Sievers an, der sie zuvor in die Kirche hineingelassen hatte. «Spiegel»-Reporter Schwarz schmuggelte dann das Videoband in seiner Unterwäsche in den Westen.

«Am Abend des 10. Oktober kam Ulrich Schwarz kurz nach 19.00 Uhr in das Sendezentrum des Sender Freies Berlin (SFB) nach Berlin-Charlottenburg und übergab mir die VHS-Kassette», erinnert sich der damalige SFB-Redakteur und heutige Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn.

Als Jahn die Aufnahmen auswertete, schoß auch ihm durch den Kopf: «Das ist das Ende der DDR.» Und Jahn fügt hinzu: «Es war wichtig, das Informationsmonopol der SED zu brechen. Das ist Schefke und Radomski mit ihrer mutigen Aktion gelungen.»