Am Sonntag neuer Tatort-Einsatz für Boerne und Thiel - Schauplatz ist die Psychiatrie
Im Tretboot auf Verfolgungsjagd

Am Grund des Swimmingpools liegt die Leiche der schönen Mona Lux. Gewichte halten sie unter Wasser. Der Blick geht starr an die Wasseroberfläche. Noch gespenstischer wird die Eingangsszene des neuen Münster-Tatort-Krimis am Sonntag, 8. November, um 20.15 Uhr im Ersten nur durch den jungen Mann (mit großartig reduziertem Spiel: Robert Gwisdek), der stoisch über ihr seine Bahnen zieht. Er ist ein Autist, wie sich später herausstellen wird. Auch sein Blick ist starr, entrückt, durch nichts aus seinen Abläufen zu bringen.

Pedantisches Arbeitstier

Ihr aktueller Fall führt Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und den Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) sehr nah an den Wahnsinn: In einem Therapiezentrum für psychisch Kranke suchen sie nach dem Mörder einer Femme fatale. Neben dem klassischen "Wer hat's getan" rückt die "Tatort"-Folge auch weitere Fragen in den Mittelpunkt: Was ist noch Genialität und was ist schon Wahnsinn? Und: Wer ist hier eigentlich irre? Boerne jedenfalls steht in seiner ersten Szene in voller Tauchmontur auf dem Trockenen. Atmet ein, atmet aus, übt schon einmal für den Urlaub, in den er bald entschwinden möchte. Eigentlich. Pedantisches Arbeitstier, das er ist, lässt er die Urlaubspläne kurzerhand sausen, als seine Assistentin "Alberich" (Christine Urspruch) ein starkes Narkotikum im Blut der Pool-Leiche findet. Suizid sieht anders aus. Und so tauchen die Münster-Ermittler ein, in die Welt der Neurotiker und Psychotiker, die im Haus Schwanensee, einer Art Luxuspsychiatrie, Unterschlupf gefunden haben: Kommissar Thiel und Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) Kraft ihres Amtes, um den Fall zu lösen. Boerne drängt sich eher auf - ist er doch, wie so oft der Auffassung, ohne ihn sei der Fall schlicht nicht zu lösen. Fest steht: Ohne ihn wäre es nur halb so unterhaltsam.

Politisch nicht korrekt

Das Setting für die Scharmützel zwischen den besten Feinden Thiel und Boerne könnte besser nicht sein. Thiel ist schlecht gelaunt, Boerne übermotiviert - und das zwischen all den Wahnsinnigen. Auf Kosten der Bewohner des Hauses macht der Film seine politisch unkorrekten Witze, überzeichnet die dort lebende Nymphomanin, den Zwangsneurotiker und die Seifenopern liebende Beziehungsgestörte liebevoll und urkomisch.

Die vielen geschickt gelegten Spuren führen schnell auch hinaus aus der Wohlfühl-Klinik hinein in einen irren Steuersumpf. Da sind ein verliebter Italiener mit Geldsorgen und ein freiwilliger Helfer mit fragwürdigem Interesse für seine Patientinnen. Nicht zuletzt müssen Thiel und Krusenstern erst einmal mehr über die Tote herausfinden: Sie ist ein Phantom ohne Adresse und Familie.

Bei alledem erliegen die Autoren (Christoph Silber, Thorsten Wettcke und André Erkau, letzterer auch Regie) nicht der Gefahr, klamaukiges Wechselspiel und bissige Dialoge über die klug gesponnene Geschichte zu stellen, wie dies in manchen Folgen des Erfolg-Duos zuletzt gelegentlich zu beobachten war. Im Gegenteil: Die Tatort-Episode "Schwanensee" ist spannend ihrer Geschichte wegen, Klamauk ist Kür.

Während Thiel und Boerne bei Verfolgungsjagden regelmäßig die Puste ausgeht, können sie auf Münsters "Schwanensee", dem Aasee, zur Hochform auflaufen. Bei der in der "Tatort"-Geschichte wohl ersten Verfolgungsjagd mit dem Tretboot geben sie eine deutlich bessere Figur ab.
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