Andrang bei der Tafel im Stockerhutweg wird immer größer
Es ist schon angerichtet

Der Andrang bei der Tafel im Stockerhutweg wird immer größer - auch wegen der Flüchtlinge bei der Essensausgabe. Im Vergleich zu 2012 hat sich der Andrang verdoppelt. Die Verantwortlichen haben reagiert und die Ausgabezeiten erweitert. Im Januar werden sie wohl nochmals ausgedehnt. Die Verkaufs- und Lagerräume dagegen sind wie gehabt - und deshalb zu klein. Bild: Hartl
Weiden. (mte) Montag, 12 Uhr. Der Kampf um Chicorée, Schinken und Schmalz bei der Tafel spitzt sich zu. Denn einige bedürftige Einheimische reiten verstärkt Verbalattacken gegen die Flüchtlinge in der Schlange. Mittendrin geben die Tafel-Mitarbeiter, allesamt Ehrenamtliche, ihr Bestes, versuchen zu befrieden. Dabei sind sie selbst tief gespalten.

In Dachau hat die Tafel Tabula rasa gemacht: Dort gibt es keine Lebensmittel mehr für Flüchtlinge. Für Weiden ist das keine Option. "Wir behandeln alle Menschen gleich. Wenn jeder etwas bekommt, leisten wir einen Beitrag zum sozialen Frieden", verteidigt Vorsitzender Josef Gebhardt die Praxis. Doch das birgt auch Probleme: "Die Tafel hier steht vor einer Zerreißprobe", warnt Gebhardt. Denn neben den Abholern seien auch die Mitarbeiter und der Vorstand gespalten.

"Der Neid ist groß. Es schwelen Verteilungskämpfe unter der Abholerschaft." Dabei gebe es in Weiden Lebensmittel genug. Denn großzügig haben Firmen in Stadt und Region ihre Lebensmittelspenden aufgestockt. Auch neue Firmen konnten für die Sache der Tafel gewonnen werden. Trotzdem wollen die rechtsradikalen Verbalattacken unter den Abholern nicht abreißen. "Das ist teils so krass, dass wir einmonatige Hausverbote ausgesprochen haben", erklärt Vorstandsmitglied Birgit Käs.

Die Fakten: Seit Mitte 2014 gehören Lebensmittelpakete ("schreckliches Einheitsessen": Zitat Gebhardt) für Asylsuchende der Vergangenheit an. Stattdessen gibt es Geld - und in Weiden die Möglichkeit, ab dem Zeitpunkt der Registrierung bei der Tafel im Stockerhutweg einzukaufen. Immer mehr Flüchtlinge nutzen sie. Kamen im Mai 200 Asylsuchende, schauten im September bereits 400 vorbei. Aktuell gibt es insgesamt 1200 Berechtigte aus Weiden und dem Landkreis Neustadt. Monatlich kommen rund 80 Neuanträge - früher waren es um die 40 - rein. Tendenz steigend.

Über der Belastungsgrenze

"Keiner, weder Staat noch Stadt, hat uns gefragt, ob wir das hier mit den Flüchtlingen schaffen", ärgert sich Gebhardt. Dabei haben die aktuell 70 Tafel-Mitarbeiter schwer zu schuften. Eine doppelt so große Zahl an Abholern im Vergleich zu 2012 macht doppelt so viel Arbeit. Statt wie früher drei Stunden pro Tag klotzen die ehrenamtlichen Helfer nun sechs ran, schleppen Kisten, sortieren Obst- und Gemüse. "Sie arbeiten zum Teil über der Belastungsgrenze." Kurios ist das, was Diana Hermann, zuständig für Berechtigungskarten, erzählt: Ein Drittel der Ehrenamtlichen hat ausländische Wurzeln, bedient Deutsche und muss sich anhören, wie die über Ausländer schimpfen. Die Folge: "Die Stimmung im Team ist eher schlecht", gibt Gebhardt zu. Dazu kommt, dass viele Flüchtlinge die Regeln der Tafel (es braucht die Registrierung der Regierung, den Einkommensbescheid der Kommune und den Pass; zudem gibt es ein rotierendes Farbsystem, das dafür sorgt, dass jeder mal als erstes einkaufen kann) nicht verstehen. "Wir müssten hier 30 Sprachen sprechen", weiß Diana Hermann. Stattdesssen hantieren sie und die Kollegen mit Händen und Füßen. Nicht immer erfolgreich. Die Folge: Vereinzelt wollen Mitarbeiter Flüchtlinge nicht mehr bedienen, sagt Gebhardt. Die meisten der Ehrenamtlichen und der Vorstandschaft sehen es aber trotz der Belastungen so wie der Fahrer des Sprinters, der gerade zur Hintertür hereinkommt: "Mir ist wurst, wer das isst. Arm ist arm", sagt er und hetzt wieder los - zum nächsten Einkaufsmarkt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.