Angemerkt Kein Trost für manche Leiden

"Dann fahre ich in die Schweiz", ist mittlerweile Synonym für eine Selbsttötung mit Unterstützung einer Organisation wie Exit in Zürich. Doch so einfach ist das nicht. Wer Todessehnsucht hat, muss unter "einer zum Tode führenden Krankheit, unzumutbaren Behinderung oder unerträglichen Beschwerden" leiden. Der Sterbewunsch muss wohlerwogen und konstant, der Kandidat urteils- und handlungsfähig sein. Wer sterben möchte, muss seine Entscheidung ohne Druck treffen.

Sicher, die ersten Kriterien mögen noch eindeutig nachweisbar sein. Spätestens bei der Beurteilung der Urteilsfähigkeit und Freiwilligkeit treten Unsicherheitsfaktoren hinzu: Leidet der Betroffene unter Depressionen, die seine Urteilsfähigkeit trüben? Handelt er aus sozialem Druck, weil er meint, den Verwandten zur Last zu fallen? Wie soll ein Arzt, wie soll ein Verein das entscheiden?

Deshalb ist es richtig, dem freiwilligen Sterben juristisch nicht Tür und Tor zu öffnen. In einer durchökonomisierten Gesellschaft wie unserer ist Missbrauch zur Vorteilsnahme systemimmanent - siehe Organspendenskandal. Es ist richtig, zunächst alle Register der palliativen Medizin zu ziehen. Damit ist schon vielen Patienten geholfen, Schmerz gelindert, Druck genommen.

Und dennoch: Es gibt Ausnahmen, die sich mit der Regel nicht erfassen lassen. Es gibt Schmerzen, die keine Therapie zu lindern vermag. Es gibt Krankheitsbilder, für die es keine tröstliche Worte gibt. Auch für Menschen wie Claudia Müller muss eine humane Gesellschaft um Antworten ringen. Nicht als Regelfall sondern ultima ratio.

juergen.herda@derneuetag.de
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