Archäologen finden seltenen Nachweis für Überfall der Ungarn
Utzenhofen ist plötzlich 400 Jahre älter

Nirgendwo in Süddeutschland wurden bisher acht ungarische Pfeilspitzen an einem Ort gefunden - außer in Utzenhofen. Das geschmolzene Glas darunter gehörte einst zu einem Trichterbecher, den im 10. Jahrhundert nur die "besseren Kreise" besaßen. Bild: Steinbacher
 
Der Archäologe Dr. Mathias Hensch (links), der die Ausgrabungen geleitet hatte, und Dr. Silvia Codreanu-Windauer (rechts) vom Landesamt für Denkmalpflege dankten dem Utzenhofener Kirchenpfleger Hubert Gradl (Mitte), dass die Kirchenstiftung die Ergebnisse der Grabungen nicht einfach verpuffen lässt, sondern sie in eindrucksvoller Form in der Kirche präsentiert. (Bild: Steinbacher)
Utzenhofen. (ll) Als die ungarischen Reiter mit Brandpfeilen schießen, steht die Kirche binnen Minuten in Flammen. Die Menschen im Innern wissen, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hat. Die Spuren dieser Tragödie im 10. Jahrhundert haben bei den Ausgrabungen in Utzenhofen zu Freudensprüngen der Archäologen geführt.

Das mit den Freudensprüngen würde Dr. Mathias Hensch wahrscheinlich so nicht sagen. Aber wenn er von den Fundstücken unter der Kirche St. Vitus erzählt, merkt man, wie sehr den Archäologen die neuen Erkenntnisse begeistern, die mit ihnen ans Tageslicht kamen. Vor allem bei den Pfeilspitzen - "ein ganz seltener Nachweis für einen Überfall der Ungarn".

Dr. Silvia Codreanu-Windauer, die Leiterin der Dienststelle Regensburg des Landesamtes für Denkmalpflege, ordnet die Bedeutung der Pfeilfunde ganz hoch ein: Davon habe man ansonsten vielleicht 20 in Bayern, zumeist nur Einzelfunde. In Utzenhofen waren es gleich acht, auf die Hensch 2012 stieß, als er vor der Renovierung des Fußbodens der Pfarrkirche die Erde darunter aufgrub. "Da sind Sie in zwei Tagen fertig", hatte ihm der Architekt prophezeit. Niemand glaubte, dass dort noch etwas historisch Wertvolles zu finden sei, weil angeblich bei der Renovierung 1938 schon alles weggeräumt wurde.

Überfall von Ungarn

Das war aber ein Trugschluss. Hensch hatte dann fast sechs Wochen zu tun, um alle Funde zu sichern. Nach der Auswertung hat Utzenhofen, das erstmals 1220 in schriftlichen Quellen auftaucht, plötzlich eine um 400 Jahre längere Geschichte. Denn Hensch konnte den Ursprung der Kirche auf die Zeit um 800 datieren. Sie war damals noch aus Holz und brannte bei einem Überfall ungarischer Reiterkrieger ab. Die sind von 899 bis 955 (Schlacht auf dem Lechfeld) in der Region bezeugt.

Kirchen überfallen sie nicht nur, weil sie als Heiden das Christentum verabscheuen, sondern auch, weil sie dort immer gute Beute machen. Im Utzenhofener Fall belegt das ein geschmolzenes Stück Glas, das Teil eines Trichterbechers war, den es im 9. Jahrhundert nur bei Leuten aus der höheren Schicht gab. "Ein ganz toller und seltener Fund" in den Augen von Hensch. "Glas war damals so kostbar", unterstreicht Silvia Codreanu-Windauer. Sie freut sich, "wenn solche Funde in dem kleinen Utzenhofen mit der großen Geschichte zusammenspielen".

Besser als im Depot

Und noch toller findet sie, dass die Utzenhofener Kirchenstiftung deren Bedeutung erkannt hat und sie in der Kirche per Infotafeln und Vitrine den Einheimischen präsentiert, auch wenn das 2500 Euro zusätzlich gekostet hat. Kirchenpfleger Hubert Gradl hat sich sehr dafür eingesetzt, weiß die Denkmalpflegerin.

Es komme nicht oft vor, dass man die Ergebnisse einer Grabung vor Ort so präsentieren könne. Viel häufiger verstaubten sie in Schubladen. "Hier aber können die Kinder im Heimatkunde-Unterricht herkommen und sich das anschauen. Das ist ein viel größerer Gewinn, als wenn das alles im Depot eines Museums liegt."

Die beiden von Mathias Hensch entworfenen Tafeln beschreiben neben den Ergebnissen der Ausgrabung die Geschichte und die wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlung Utzenhofen ("Höfe des Utzo") sowie ihre Einbettung in das Netz der frühen Kirchen in der Region. Seit wenigen Tagen ist die Vitrine unter den Tafeln gefüllt mit den ungarischen Pfeilspitzen, Glasstücken und anderen Fundstücken, die den Archäologen Einblicke in das Schicksal der Kirchenbauten an dieser Stelle gaben.
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