Auf Heimatbesuch zum 80. Geburtstag
Der Dorffriseur von Manhattan

Oscar und Oscar sind Vater und Sohn. Die vergangenen Tage wohnten sie im Haus der Schwester des Seniors in Etzenricht. Dort zieht es den 80-Jährigen immer wieder hin, auch wenn er seit den 60er Jahren in New York lebt. Bild: phs
Etzenricht. (phs) Oscar Wagenbuchler muss nur eine halbe Stunde über sein Leben sprechen, schon begegnen dem Zuhörer Namen, die er irgendwann mal gehört hat. Zur Feier seines 80. Geburtstags auf dem Beutnerhof hingen ihm viele alte Freunde an den Lippen. Der New Yorker genoss dieses Heimspiel in Etzenricht.

Es ist dort, wo er aufgewachsen ist. Dort, wo er mit dem Vater im heimischen Friseurladen Krach hatte. Dort, wo er seit den 1960ern jedes Jahr mal ausspannt und seine Schwester Inge Grüssner besucht.

Oscar Wagenbuchler hieß bei der Geburt noch Oskar Wagenbüchler. Den Namen hat er amerikanisiert, seit 1961 aus einem Kurzaufenthalt bei Verwandten in New York City eine Auswanderung wurde. Das war nie so geplant. "Aber er ist drüben geblieben, weil er in Frankfurt eine Frau heiraten sollte, die er nicht wollte", bringt es Schwester Inge auf den Punkt. Ihr Bruder bestätigt das. "Ich wollte ein Geschäft kaufen, aber der Besitzer hat darauf bestanden, dass ich dann auch seine Tochter nehme", lacht der Friseur. Er schneidet auch heute noch im "Salon 61", benannt nach der Adresse 170 East 61st Street, auf der noblen Upper East Side von Manhattan Herren die Haare.

Jüdische Prominenz

"80 Prozent meiner Kunden sind Juden", erklärt er. "Manche sind zum ersten Mal als Studenten zu mir gekommen, heute kommen sie als Pensionäre." Es geht familiär zu in Oscars "Barber Shop". "Wie bei einem Dorffriseur", sagt die Schwester. "Wer will, kriegt auch einen Schluck Whiskey." Zu den Kunden zählen Leute wie Joshua Davidson und Peter Rubinstein. Die kennt hier zu Lande kaum einer, sie zählen aber zu den einflussreichsten Rabbinern in New Yorks jüdischer Community.

Bis es so weit war, hat der Etzenrichter lehrreiche Wanderjahre hinter sich gebracht. Seine ersten beruflichen Schritte unternahm er in den Salons Wagner in Weiden und Sollfrank in Vohenstrauß. Nach einem Streit mit dem Vater antwortete er auf eine Stellenanzeige in einer Friseur-Fachzeitschrift. Sie führte ihn nach Sprendlingen in Rheinhessen und später in ein Geschäft auf Frankfurts berüchtigter Kaiserstraße.

Dann begann das amerikanische Abenteuer. "1970 wollte ich eigentlich zurück, aber ich bin halt doch geblieben." Unter anderem weil er in der U-Bahn seine Frau kennengelernt hat. Sie ist die Schwester des slowakischen Eishockeynationalspielers Peter Ihnacák, den Fans in Deutschland als Spieler der Krefelder Pinguine und Trainer der Nürnberg Ice Tigers in Erinnerung haben. Die Wagenbuchlers haben einen Sohn. Er heißt ebenfalls Oscar, ist 40 Jahre alt, betreibt eine Firma für Skateboards und geht nebenher aufs College.

Beckenbauer und Pelé

Oscar junior ist diesmal mit in die Oberpfalz gekommen, die Mutter passt zu Hause aufs Aquarium mit über 100 Fischen auf. Dafür ist Alfred Wagenbüchler, ein Cousin, der im Rheinland lebt und aus Mantel stammt, mal wieder in der Heimat. Er ist so etwas wie Oscars bester Kumpel. Die beiden waren schon viel gemeinsam auf Reisen. Diese Woche ging es nach Algund.

Dort hat Oscar einen Kontakt aus seinem Stammlokal "Heidelberg", New Yorks bekanntestem deutschen Restaurant. Eines Tages kam der Etzenrichter dort mit einem Südtiroler ins Gespräch, ausgerechnet aus Algund, der Etzenrichter Patengemeinde.

Kontaktscheu war Wagenbuchler ohnehin nie. In den 70er Jahren besuchte er regelmäßig die Heimspiele des legendären Fußballclubs Cosmos New York. Im Sportheim schauten nach dem Match auch Spieler wie Pelé und ein gewisser Franz Beckenbauer vorbei.

Als der Kaiser in die US-Profiliga wechselte, gehörte Oscar zur Delegation, die Beckenbauer vom Flughafen abholte. Fotos belegen das. Einen anderen A-Promi aus den Siebzigern kennt er noch besser: Tony Marshall. Ein befreundeter Kellner aus Braunschweig hat die beiden in New York einander vorgestellt. Dieser Kellner kannte auch Gunther Gabriel. "Der hat schon mal bei mir übernachtet." Das Haus des Friseurs steht in Bellmore, Long Island, 60 Kilometer von Manhattan entfernt. Von dort fährt Oscar dienstags mit dem Zug auf die Upper East Side. Mittwoch bis Freitag logiert er in einer kleinen Wohnung in der 66. Straße, die ihm seit 1966 gehört. "Von dort aus kann ich zu Fuß in die Arbeit gehen." Der Salon liegt im Souterrain, oben drüber betreibt der Hausbesitzer das italienische Restaurant "Isle of Capri".

Die Miete ist mit 2700 Dollar pro Monat vergleichsweise günstig, sagt Wagenbuchler. Dafür kostet der Herrenhaarschnitt für europäische Verhältnisse relativ viel. "25 Dollar, viele legen aber was drauf und zahlen mal so 40, 50 Dollar", sagt Inge Grüssner.

Im Herzen Deutscher

"Halb Etzenricht war schon bei mir", freut er sich über Besuch aus der alten Heimat. Früher hat Gemeinderat Walter Beutner öfter mal nach Sitzungen angerufen und Oscar über das Dorfleben auf dem Laufenden gehalten. Der Auswanderer hat bereits vor Jahrzehnten ein Zweifamilienhaus in der Schustergasse bauen lassen, in dem eine Zeitlang seine Schwester mit ihrer Familie gewohnt hat.

Im Herzen sei er Deutscher geblieben. Der Sohn ist Amerikaner, er selber hat die US-Staatsbürgerschaft immer abgelehnt. "Ich merke das immer, wenn ich im ,Heidelberg' bin: Ich komme einfach besser mit Europäern klar." Amerikaner seien ihm oft zu phlegmatisch.

Trotzdem hat er auch jede Menge New Yorker Freunde. Einen davon hat er mal mit nach Deutschland gebracht: John Roland. Sein Name steht im Goldenen Buch der Gemeinde Etzenricht. Roland war Nachrichtensprecher beim konservativen Fernsehsender Fox News und ist in den USA ähnlich bekannt wie in Deutschland Jens Riewa.

Nächste Woche geht es für die Wagenbuchlers zurück in die Staaten. Die Arbeit ruft. Der 80-Jährige liebt sie. Außerdem habe ihm sein allererster Kunde verboten, aufzuhören. "Der ist heute Steuerberater und hat mir versichert, dass dann die ganze Nachbarschaft nicht mehr wüsste, wohin sie zum Haareschneiden gehen soll."
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