Aus dem Blickfeld

Die legendären "Basement Tapes" gehören zu den künstlerischen Meilensteinen in Dylans Schaffen und faszinieren bis heute nachfolgende Generationen von Musikern, Fans und Kulturkritikern gleichermaßen.

Bereits in den frühen 1960er-Jahren hatte Dylan musikalische und kulturelle Umwälzungen mit angestoßen, zwischen 1965 und 1968 aber erreichte er einzigartigen Status durch die historischen Alben "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und "Blonde On Blonde" sowie die epochale Single "Like A Rolling Stone". Der ebenso legendäre wie kontroverse "elektrische" Auftritt beim Newport Folk Festival 1965 und die heftig umstrittenen Tourneen in den Vereinigten Staaten, Europa und Großbritannien untermauerten Dylans Position als zweifellos bedeutendster Neuerer der populären Musik in den USA. Dylans kometenhafter Aufstieg und sein atemberaubendes Werk erfuhren im Juli 1966 jedoch einen abrupten Einschnitt, als sich der Musiker bei einem Motorradunfall im Bundesstaat New York schwerverletzte.



Während seiner Rekonvaleszenz verschwand Dylan zum ersten Mal seit Jahren aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und zog sich gemeinsam mit Robbie Robertson, Rick Danko, Richard Manuel, Garth Hudson und, später, Levon Helm, in das Kellergeschoss eines kleinen Hauses in West Saugerties, New York, zurück, das die Gruppe "Big Pink" getauft hatte. Insgesamt nahm das Kollektiv, das später als Bob Dylan & The Band berühmt werden sollte, im Laufe der kommenden Monate dort mehr als 100 Songs auf, darunter Traditionals, spontane Interpretationen von Fremdkompositionen und vor allem Dutzende gerade erst entstandener Dylan-Songs, darunter zukünftige Klassiker wie "I Shall Be Released", "The Mighty Quinn", "This Wheel's On Fire" und "You Ain't Going Nowhere".

Erste Gerüchte über die Sessions förderten eine Neugier, die groß genug wurde, um im Musikgeschäft ein neues Phänomen auf den Plan zu rufen: "Bootlegs". Im Jahr 1969 tauchte in den Plattenläden denn auch ein Album mit dem mysteriösen Titel "Great White Wonder" auf, und in der Folge begann dessen Musik sowohl die populäre Kultur wie auch das Bewusstsein der Musikfans zu durchdringen. "Great White Wonder" entwickelte sich zum heimlichen Hit - immer mehr Dylan-Fans wollten hören, was damals in "Big Pink" geschehen war. Die eigentlichen Aufnahmen jedoch blieben offiziell nicht erhältlich. Erst im Jahr 1975 veröffentlichte Columbia-Records eine Auswahl von 16 Songs der Sessions auf dem Doppelalbum "The Basement Tapes", darunter acht neue Stücke von The Band, ohne Dylan.

An der Spitze

"The Basement Tapes" überzeugten nicht nur die Kritik, sie waren erfolgreich auch an der Ladenkasse: In den USA und in Großbritannien erreichte das Doppelalbum die Top Ten. John Rockwell bezeichnete es in der New York Times als "eines der großartigsten Alben in der Geschichte der amerikanischen populären Musik", und Paul Nelson lobte die Aufnahmen im Rolling Stone als die "rauesten, ursprünglichsten, süßesten, traurigsten, lustigsten und weisesten Songs, die ich kenne". Die Washington Post nannte Dylan den "großartigsten Künstler, den die moderne amerikanische Popmusik hervorgebracht hat", und in Village Voice, wo das Album die Spitze der jährlichen Jazz- und Pop-Kritiker-Polls besetzte, gab Robert Christgau die Höchstwertung.

Bis heute setzen sich Fans mit "The Basement Tapes" auseinander, längst gelten die Sessions als Heiliger Gral aller "Dylanologen". Was also ist auf den bislang nicht veröffentlichten Aufnahmen zu hören?

Frühe Tonbänder

Auf "The Basement Tapes Complete" (Sony Music) sind erstmals sämtliche verwertbaren Aufnahmen des vorhandenen Bandmaterials enthalten, darunter kürzlich entdeckte frühe Tonbänder, die Dylan im "Red Room" seines Hauses im Bundesstaat New York bespielt hatte. Bei der Restauration hat der kanadische Musikarchivar und Produzent Jan Haust eng mit Garth Hudson zusammen gearbeitet, um den in die Jahre gekommenen Bändern zu ihrem ursprünglichen Klang zu verhelfen. Ein erheblicher Teil der Musik wurde dabei erstmalig digital bearbeitet.

"The Basement Tapes Complete" bildet die bislang vollständigste Dokumentation der "Big Pink"-Sessions. Zudem wurden die Aufnahmen im Unterschied zur Veröffentlichung von 1975 weitestmöglich in den klanglichen Zustand versetzt, in dem sie Dylan und The Band im Sommer 1967 selbst gehört haben. Die Titelliste auf "The Basement Tapes Complete" ist chronologisch angelegt und basiert auf dem damals von Garth Hudson verwendeten Nummerierungssystem der Bänder.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.bobdylan.com
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