Bauernverband und Bund der Milchviehhalter gehen in der Milchpreiskrise auf Konfrontationskurs
Zwei Verbände streiten um Strategien

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Weiden.(m) In der aktuellen Preiskrise stehen sich zwei Verbände gegenüber: Der Bayerische Bauernverband (BBV) und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der die jüngsten Protestaktionen initiiert hat. Wir baten Hans Winter, BBV-Geschäftsführer in Weiden, und Matthias Zahn, Tirschenreuther Kreisvorsitzender des BDM, um eine Stellungnahme.

Worin sehen Sie die derzeitige Preiskrise auf dem Milchmarkt begründet?

Matthias Zahn (BDM):Grundsätzlich haben wir heute einen Weltmarkt für Milch. Dort hängt alles zusammen - wenn die Preise fallen und steigen, geschieht dies weltweit. Aktuell kämpfen wir eigentlich damit, dass Angebot und Nachfrage sehr weit auseinander gehen. Zum einen ist durch den russischen Importstopp von Lebensmitteln und die sinkende Nachfrage aus China die weltweite Nachfrage nach Milch deutlich gesunken. Zum anderen führte das Abschaffen der Quote, genauer gesagt, das Abschaffen Mengen regulierender Maßnahmen in der EU, zu einer stark steigenden Zunahme der Milchanlieferungen.

Das Problem ist der große Hebel der EU als größter Milcherzeuger weltweit. Kleine prozentuale Steigerungen hier können bereits zu viel sein im Verhältnis zur tatsächlich weltweit gehandelten Menge an Produkten. Andersherum kann das aber auch funktionieren, und darin sehen wir eine Chance für uns.

Hans Winter (BBV):Eine bedeutende Ursache für die prekäre Situation ist das russische Embargo für westliche Agrarprodukte. Die Handelsbeschränkungen wurden aus politischen Gründen und wegen der Ukrainekrise verhängt. Gleichzeitig untergräbt der deutsche Lebensmitteleinzelhandel jegliche ökonomische Nachhaltigkeit für bäuerliche Familienbetriebe. Die Discounter nutzen ihre enorme Marktmacht zu noch mehr Preisdumping bei Lebensmittelangeboten wie Fleisch, Obst, Brotwaren und besonders auch für Milchprodukte.

Welche Rolle spielt Europa markttechnisch?

Matthias Zahn:Für den BDM ist ganz Europa ein Binnenmarkt. Milchprodukte nach Frankreich oder Italien zu liefern ist wie Milch von Bayern nach Sachsen zu verkaufen. Exportieren bedeutet daher für uns, Milch jenseits der EU-Grenzen abzusetzen. Den Milchpreis in einem weltweiten Markt bestimmt jedoch letztendlich die Region, die am günstigsten produziert.

Der Weltmarkt aber kennt keine europäischen Produktionsstandards. Auf Basis des Welthandels können wir daher keinen fairen Milchpreis erzielen. Es geht uns aber nicht darum, Exporte zu verhindern. Auch wir sind dafür, dass Milchprodukte außerhalb der EU exportiert werden, sofern damit eine hohe Wertschöpfung erzielt werden kann. Mit Milchpulver wird das nicht gelingen, das können andere besser und billiger.

Hans Winter:Die bayerischen Milcherzeuger sind neben einem stabilen Absatz auf dem heimischen Markt zwingend auf die Märkte außerhalb der Landesgrenzen angewiesen, wie übrigens die Automobilindustrie und die Maschinenbauer auch. Dies gilt sowohl für den europäischen Binnenmarkt als auch für attraktive Drittlandmärkte, wo die hoch veredelten bayerischen Produkte nachgefragt und honoriert werden. Es besteht besonders in Europa der Bedarf an den hochwertigen Milchprodukten.

Wie kann den Milchbauern geholfen werden?

Matthias Zahn:Der BDM möchte auf die Marktentwicklung besser reagieren können. Priorität hat die Absatzförderung, und wenn das nicht reicht, auch eine begrenzte Einlagerung von Milchprodukten. Erst als letzte Maßnahme sollte die Milchmenge reguliert werden. Wir wollen ausdrücklich keine feste Milchquote, um die unternehmerische Freiheit so weit wie möglich zu erhalten. Notwendig wäre auch eine gesellschaftliche Debatte, wohin es gehen soll in der Landwirtschaft. Einerseits wünscht der Verbraucher hohe Standards in der Tierhaltung, andererseits will er billige Produkte. Beides zugleich ist aber nicht möglich.

Hans Winter:Brüssel und Berlin müssen endlich die negativen Auswirkungen des russischen Embargos für unsere Landwirte abbauen. Eine aktuelle Möglichkeit bietet sich durch die Mittel aus der Superabgabe. Diese von den Milchbauern abzuführenden Gelder sind unbedingt der Milchwirtschaft zur Verfügung zu stellen. Ergänzend müssten die EU-Agrarminister Maßnahmen für eine wirksame Absatzförderung für die hochwertigen und international gefragten Agrarerzeugnisse der europäischen Bauern beschließen.
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