Bayerischer Umweltpapst wird 80

Den langen Weg der deutschen Umweltverbände von Naturschutzclubs zu schlagkräftigen Nachhaltigkeitsorganisationen hat Hubert Weinzierl entscheidend geprägt.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass Umweltschützer verhöhnt und verlacht wurden. Heute ist Ökologie ein Megathema - der Katzentisch ist passé. Eine Entwicklung, die ganz wesentlich von Hubert Weinzierl vorangetrieben wurde. Der Land- und Forstwirt, Umweltpolitiker und Natur liebende Schöngeist gilt als unbestrittener Doyen der deutschen Umweltbewegung. Am 3. Dezember wird er 80 Jahre alt.

Erblindet im Öko-Schloss

Weinzierl lebt zusammen mit seiner Frau Beate in dem Örtchen Wiesenfelden im Bayerischen Wald. Das heruntergekommene Schloss Wiesenfelden hatte er vor 40 Jahren den Wittelsbachern abgekauft, um dort ein ökologisches Bildungszentrum aufzubauen. Zu seinem 80. Geburtstag werden 100 Gäste erwartet. Vor wenigen Jahren erblindete Weinzierl infolge eines Nervenleidens und musste sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückziehen. "Zusammen mit meiner Frau, die mich betreut, kann ich den Alltag ganz gut meistern."

In den 70er Jahren, als die ökologischen Folgen des deutschen Wirtschaftswunders immer sichtbarer wurden, formte Weinzierl aus dem behäbigen Bund Naturschutz in Bayern (BN) eine streitbare Umweltorganisation, die sich in aktuelle ökologische Debatten einschaltete. "Das war kein Spaziergang", sagt Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des BUND und langjährige Wegbegleiterin Weinzierls. "Er hat den BN zu einer Organisation gemacht, die sich mit den Mächtigen anlegt und nicht nur in deren Schatten Biotope pflegt".

Später gehörte Weinzierl neben dem Journalisten Horst Stern, dem Zoologen Bernhard Grzimek und dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg zu den Mitgründern des bundesweit agierenden Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), heute mit mehr als einer halben Million Mitgliedern neben dem Deutschen Naturschutzbund die größte Umweltorganisation. Von 2000 bis 2012 saß er dem Deutschen Naturschutzring vor, der Dachorganisation aller Umweltorganisationen. Und er brachte seinen Sachverstand in den von der Bundesregierung 2001 eingesetzten Nachhaltigkeitsrat ein.

Weinzierls Autobiografie "Zwischen Hühnerstall und Reichstag" ist ein Kompendium deutscher Umweltpolitik: Die Gründung des ersten deutschen Nationalparks im Bayerischen Wald, der Kampf gegen Waldsterben und Atomkraft und für mehr Biolandbau, die ökologische "Wiedervereinigung" nach dem Fall der Mauer mit dem "Grünen Band" auf dem Todesstreifen - überall kämpfte Weinzierl an vorderster Front.

Dabei sei Weinzierl, wie es der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer formuliert, kein Revolutionär gewesen. "Seine Stärke war es, mit allen Menschen eine Gesprächsebene zu finden." Als Parteipolitiker verstand sich Weinzierl nie. "Ich war immer der Überzeugung, und bin es noch heute, dass Umweltschutz eine Aufgabe ist, die die ganze Menschheit lösen muss", sagt er selbst.

Zuletzt kreideten ihm viele seiner früheren Mitstreiter an, dass er sich vom neu gegründeten Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern, einer Konkurrenzorganisation zum BN, in der auch viele Windkraftgegner organisiert sind, zum Ehrenvorsitzenden wählen ließ.
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