Bayerns Innenminister hat «Neger» gesagt
Kritik und Rücktrittsforderungen

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Ob Heinrich Lübke es wirklich getan hat, ist nicht ganz klar, aber Bayerns Innenminister hat es getan: Joachim Herrmann hat «Neger» gesagt.

Berlin/München. (dpa/lby) «Meine Damen und Herren, liebe Neger». So soll der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke im Jahr 1962 eine Rede beim Besuch in Liberia begonnen haben. Ob das so wirklich stimmt, ist zwar umstritten. Unstrittig ist aber, dass ein deutscher Minister im Jahr 2015 das Wort «Neger» gesagt hat - vor laufenden Kameras im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. «Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat», sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Montagabend in Frank Plasbergs ARD-Talkshow «Hart aber fair». «Holla», sagt Plasberg. Und der Weg war frei für einen heftigen Shitstorm im Internet, deftige Kritik und Rücktrittsforderungen an den CSU-Politiker.

«Die Bezeichnung Neger gilt im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend und wird deshalb meist vermieden», schreibt der Duden. Diskussionen gab es in der jüngeren Vergangenheit um die Verwendung des Wortes in Kinderbüchern wie «Pippi Langstrumpf» und «Jim Knopf» oder um die «Thomas Neger Metallsystem und -bedachungen GmbH» in Mainz, deren Logo, ein gezeichnetes dunkles Männchen mit wulstigen Lippen und großen Ringen in den Ohren, Proteststürme auslöste.

Eine «ungeheuerliche Entgleisung», nennt der Chef der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher, nun am Dienstag Herrmanns Wortwahl. «Herr Herrmann muss sich als Innenminister bewusst sein, dass die Bezeichnung «Neger» eine rassistische Provokation und Zeichen eines engstirnigen, fremdenfeindlichen Menschenbildes ist. Dafür sind schon Leute verurteilt worden.» Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Jan Korte, fordert Herrmanns Rücktritt und der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner wirft ihm laut «Bild»-Zeitung (Mittwoch) die «Sensibilität einer Planierraupe» vor. Der Berliner Politiker Christopher Lauer twittert süffisant: «Merkel so: Rassismus bekämpfen - Herrmann so: Neger.»

Da hilft es auch nicht, dass Herrmann sich in Erklärungsversuchen ergeht und betont, dass er dieses Wort eigentlich nie benutze, dass er es in der Talkshow nur nach dem Einspieler eines rassistischen Kommentars wiederholt habe - um den Gegensatz aufzuzeigen und zu betonen, dass es auch Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, die gut integriert in Bayern leben. «Beim FC Bayern spielen auch ne ganze Menge mit schwarzer Hautfarbe mit» - und die Bayern-Fans fänden das ganz in Ordnung. In seinen Rechtfertigungen benutzt er das N-Wort immer wieder.

«Das immer zu wiederholen, führt nicht zu einer Verbesserung der Diskussion», sagt der Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Tahir Della, in Berlin. «Diese Äußerung ist unerträglich für schwarze Menschen.» Herrmann zeige damit, «dass rassistischer Sprachgebrauch immer noch nicht wirklich ernst genommen wird und wie tief verwurzelt er ist». Es gehe um gesellschaftlich verankerten Rassismus in Deutschland - und das könne man nicht damit abtun, dass beim FC Bayern schwarze Fußballer spielen. «Das zeigt nochmal, wie wenig ihm bewusst ist, was er da sagt.»

Gar kein Problem hat der Mann, um den es in dem Zitat eigentlich geht: Roberto Blanco fühlt sich von Herrmann in keiner Weise beleidigt. «Der hat das nicht so gemeint», sagt der Sänger der Deutschen Presse-Agentur. Er, der einst zu CSU-Übervater Franz Josef Strauß sagte: «Wir Schwarzen müssen zusammenhalten.» Und so sagt Blanco jetzt: «Ich fühle mich nicht negativ betroffen. Wenn er gesagt hätte: Ein wunderbarer Farbiger, hätte es nicht so viele Probleme gegeben.» Er setzt sogar noch eins drauf: «Vielen herzlichen Dank, dass er mich als wunderbar bezeichnet.»

Der Sänger selbst hatte die ganze Debatte in der zweiten Staffel der ZDF-Sitcom «Lerchenberg» mit dem Titel «Hitlers Hundeführer» quasi vorweggenommen. Da wird allerdings keinem deutschen Politiker vorgeworfen, das N-Wort benutzt zu haben - sondern Sascha Hehn. «Er hat Neger gesagt», behauptet Blanco in der Serie über Hehn, der wegen einer unbedachten Äußerung dort ohnehin schon am Pranger steht. In einer fiktiven Fernseh-Satire ist das irgendwie lustiger als in der Realität.

«Mir hat man auch schon mal Neger gesagt, das ist einfach so», sagte der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der gemeinsam mit Herrmann bei Plasberg saß, und fügte in der Talkshow hoffnungsvoll hinzu: «Wahrscheinlich ist das ein Mangel an Differenzierung, der kommt aber mit der Zeit.»