Benedikt XVI. schießt quer

Ein "Schattenpapst" wollte Joseph Ratzinger nach seinem Rücktritt als Oberhaupt der katholischen Kirche nicht sein. Doch schon seit längerer Zeit versuchen Konservative, ihn vor ihren Karren zu spannen. Nun sorgt Benedikt selbst für Aufregung.

Über Jahrzehnte hinweg diente Joseph Ratzinger als Kronzeuge für jene in der katholischen Kirche, die für eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion werben. Eine Position, die der spätere Papst Benedikt XVI. als junger, mutiger Regensburger Theologe durchaus teilte. In seinem Aufsatz "Zur Unauflöslichkeit der Ehe" aus dem Jahr 1972 trat Ratzinger dafür ein, dass die Zulassung zur Kommunion von Menschen, die in einer zweiten Ehe leben "von der Tradition gedeckt" sei.

Die Bedingung: Diese zweite Verbindung müsse sich als sittliche Größe bewährt haben. Dazu zählte er, dass eine moralische Verpflichtung gegenüber Kindern und Partner verantwortungsvoll gelebt werde. Diese Entscheidung wollte der Theologe Ratzinger den Ortspfarrern überlassen. Eine Entscheidung auf dem kleinen Dienstweg sozusagen. Diese Praxis wurde aber längst nicht von allen Bischöfen gutgeheißen. Allzu oft trat die ausschließlich kirchenrechtliche Perspektive in den Vordergrund, die Barmherzigkeit, die Hinwendung zu den Menschen, die zunächst gescheitert sind, blieb auf der Strecke.

Nun hat Joseph Ratzinger seine Meinung geändert. Von einer Zulassung Geschiedener zur Kommunion will er nichts mehr wissen. Der 87-jährige Theologe schwenkt damit auf die Linie ein, die er zunächst als Präfekt der Glaubenskongregation und später als Papst Benedikt XVI. vertrat. Nun wirbt er für einen Ausbau des Ehe-Nichtigkeits-Verfahrens. Es ist ein Konzept, das auch aus konservativen Kirchenkreisen immer wieder zu hören ist.

Schwenk nicht haltbar

Für den Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff ist der inhaltliche Schwenk von Benedikt XVI. nicht haltbar: "Das Besondere ist, dass er diese Änderungen, seinen Meinungsumschwung nicht markiert, sondern aus dem Überlieferungsbefund die entgegengesetzten Schlüsse zieht ... Man hätte schon gerne erfahren, warum er die gleichen Argumente und Texte heute anders bewertet", sagte der Theologe zum Internetportal "katholisch.de".

Zudem betont Schockenhoff, dass "die Texte aus der Tradition, die Ratzinger anführt" gerade seinen Vorschlag aus der ersten Fassung belegen würden. "Daher ergibt das für seine neue Argumentation keine stringente Gedankenfolge", betont der Freiburger. Der Priester und Hochschullehrer fordert seit langem von der katholischen Kirche, nicht nur auf das Gesetz von der Unauflöslichkeit der Ehe zu blicken und getreu der kirchenrechtlichen Doktrin moralische Anklage zu erheben. Er betont die Instanz des Gewissens und wirbt für Versöhnung. Ähnlich wie der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper.

Gleichwohl ist der umgeschriebene Aufsatz von Joseph Ratzinger kein Diskussionsbeitrag unter vielen, wie die Interviews, die Kardinäle und Theologen im Umfeld der Familiensynode im Oktober 2014 gaben, oder wie die Aufsätze und Bücher, die von führenden Kurienmitgliedern zum Thema Familienseelsorge veröffentlich wurden. Joseph Ratzinger wird nicht als 87-jähriger deutscher Kardinal wahrgenommen, der wegen seines Alters nicht mehr berechtigt ist ins Konklave zu ziehen, sondern als emeritierter Papst Benedikt XVI.

Darauf weist Helmut Hoping hin. Der Liturgiewissenschaftler an der Universität Freiburg ist Mitglied des Kuratoriums des Instituts Papst Benedikt XVI. in Regensburg. "Der Text wird nicht ohne Einfluss auf die kommende Synode bleiben. Denn er stärkt faktisch die Position der Kardinäle, die den Vorschlag von Kardinal Kasper zurückgewiesen haben, darunter Gerhard Ludwig Müller, Marc Ouellet und George Pell."

Gehorsam oder Macht?

Und Benedikt XVI.? "Unter Euch ist auch der künftige Papst, dem ich meinen bedingungslosen Gehorsam und Ehrfurcht verspreche", sagte er, als er sich von den Kardinälen Ende Februar 2013 als Papst verabschiedete. Einer, der sich immer wieder an ihm rieb, wollte ihm schon damals nicht glauben. Der Tübinger Theologe Hans Küng sagte damals, Benedikt XVI. habe alle Weichen gestellt, um seine Machtposition zu sichern. Es liegt nun an Joseph Ratzinger, den Weggefährten aus der Zeit des II. Vatikanischen Konzils Lügen zu strafen.
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