Berufsschule setzt auf individuelle Stundenpläne und Lern-Häppchen für Schüler mit ...
Ein Abschluss ganz nach Maß

Einen Ausbildungsplatz zu ergattern ist für junge Leute mit Benachteiligungen oder Behinderungen nicht einfach. Eine Würzburger Berufsschule will das ändern. Für ihr außergewöhnliches Konzept bekam sie den beim Schulpreis 2015 ausgelobten "Preis der Jury".

Ob Friseur, Gärtner, Bäcker oder Schreiner - nicht alle Jugendlichen schaffen erfolgreich den Abschluss ihrer Lehre. Wenn zudem eine besondere Lebenslage wie Lernschwierigkeiten, körperliche Behinderung, eine psychische Erkrankung oder auch einfach nur der Alltag den jungen Leuten zu schaffen macht, werden die Hürden ungleich höher.

Der Würzburger Schulleiter Harald Ebert und sein Team haben es sich zum Ziel gemacht, dass auch Benachteiligte eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Das haben sie mit den rund 50 Förderberufsschulen in Bayern gemein. Anders ist das zugrundeliegende Konzept:

Die Don-Bosco-Berufsschule setzt auf größtenteils maßgeschneiderte Stundenpläne, kleine Lernhäppchen, abgespeckte Berufsbilder und ein starkes regionales Netzwerk aus Handwerks- und Handelskammern, Berufsschulen und Unternehmen. Dafür war sie für den Schulpreis 2015 nominiert worden.

Fit für die Wirtschaft

"Berufsschule versteht man völlig falsch, wenn man nur an Unterricht denkt", sagt Ebert. Die jungen Leute müssen für die Wirtschaft fit gemacht werden. Und dafür müsse ein Bäckerlehrling nicht zwingend biochemisches Grundwissen herunterbeten können.

Auch Lese- oder Schreibschwächen müssen kein K.o.-Kriterium für die erfolgreiche Abschlussprüfung sein. "Ob der Lehrling Weihnachten mit oder ohne h schreibt, schmecken Sie beim Biss ins Frühstücksbrötchen nicht", sagt der 57-Jährige.

Natürlich gebe es einen Bildungsstandard für jedes Berufsbild. "Der ist vereinbart und da muss man drüber. Doch der Weg dahin muss nicht einheitlich sein." Und deshalb entwickeln die Pädagogen der Würzburger Don-Bosco-Berufsschule, die in Trägerschaft der katholischen Caritas ist, ganz individuelle Konzepte. "Eine einfache, den Text verbessernde Sprache in Prüfungsbögen ist möglich, ohne die Inhalte zu verlieren."

In der Pause sieht es auf den Gängen und auf dem Schulhof aus wie in jeder anderen Schule: Junge Leute stehen zusammen, reden, lachen, gucken auf ihre Mobiltelefone. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Das gesamte Gebäude ist behindertengerecht ausgestattet, Induktionsschleifen für Hörgeschädigte sind integriert, alle Türklinken sind in Hüfthöhe angebracht und neben den Türen hängen Schilder in fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch und Blindenschrift).

Ein wichtiges Angebot sind die abgespeckten Versionen eines Berufsbildes. Mehr als 20 Praktiker-Versionen - vom Schreiner über den Gärtner bis zum Karosseriebauer - bietet die Berufsschule ihren etwa 600 Schülern. So sind die jungen Leute nach drei Jahren Fachpraktiker statt Gesellen. Aber sie haben einen anerkannten Abschluss und könnten mit einem vierten Jahr den Gesellen nachholen.

Das habe einen enormen Effekt auf die jungen Leute. Es stärke ihr Selbstbewusstsein - und ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz stiegen immens, sagt Ebert. Die Schüler dürfen nach ihrem eigenen Tempo lernen. Körperbehinderte Abiturienten, alleinerziehende Mütter, junge Leute mit Autismus - jeder Don-Bosco-Berufsschüler steht vor anderen Hürden.

Hilfen nach Bedarf

So dürfen Alleinerziehende ein bisschen später kommen, um ihr Kind noch in die Kita bringen zu können. "Wir legen dann die Wiederholung des Stoffes in die erste Unterrichtsstunde. So verpasst die junge Mutter nichts", sagt Ebert.

Der depressive Schüler lernt an seinen guten Tagen, der E-Rollstuhlfahrer bekommt seine technischen Hilfen und der Autist einen Unterrichtsbegleiter. Etwa zwei Drittel der Don-Bosco-Berufsschüler finden im Anschluss Arbeit.

"Am beeindruckendsten für die Jury war, wie engagiert und flexibel die Schule mit der sehr heterogenen Schülerschaft umgeht. Jugendliche mit Lernbehinderungen, Flüchtlinge, Schulverweigerer - jeder bekommt eine individuelle Förderung", betont Michael Herm, Sprecher der Robert-Bosch-Stiftung. Sie vergibt den Schulpreis seit 2006. Die Jury begutachtet die Bereiche Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution.

Deutschlandweit haben in diesem Jahr der Bundesagentur für Arbeit zufolge rund 180 000 Absolventen aus Berufsfachschulen, Fachoberschulen und Fachgymnasien ihren Abschluss gemacht. Wie hoch der Anteil der Förderberufsschüler ist, wird nicht separat ausgewiesen. Bayernweit gibt es 181 Berufsschulen mit gut 254 000 Schülern und 47 Förderberufsschulen mit mehr als 13 000 Schülern. (lby)
Weitere Beiträge zu den Themen: September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.