Bewährungsstrafe für den Angeklagten
"Blind Date" endet vor Richter

Symbolbild: dpa
Weiden. (ca) Das Rendezvous im winterlichen Oberpfälzer Wald hatten sich beide Männer anders vorgestellt. Sie hatten sich beim Chatten kennengelernt. Beim Treffen nachts im Auto fand der eine den anderen nicht mehr ganz so sympathisch. Als der 20-Jährige ausbüxen wollte, hielt ihn der 24- Jährige an seinem besten Stück fest und wollte ihn daran wieder ins Wageninnere ziehen.

Die "Höchststrafe" ereilt den Angeklagten und das Opfer - zwei schmächtige Jungs - schon vor Verhandlungsbeginn. Eine Berufschulklasse angehender Einzelhandelskauffrauen aus Wiesau rumpelt als Zuschauer in den Gerichtssaal. Der Angeklagte aus dem Landkreis möchte, das sieht man ihm an, am liebsten im Boden versinken. "Ich trau' mich nichts zu sagen", wispert er. Er hat panische Angst vor einer Haftstrafe und lässt den Anwalt ein Geständnis ablegen. Am Ende wird der 24-Jährige wegen Vergewaltigung, Körperverletzung plus Besitz von Kinderpornographie zu 1 Jahr 10 Monaten Haft verurteilt - zur Bewährung ausgesetzt. Zudem muss der Handwerker 2000 Euro an Dornrose und den Kinderschutzbund zahlen.

Im Chat kennengelernt

Das Schöffengericht folgt damit dem Antrag von Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf. Denn: Nach der Körperverletzung beim Fluchtversuch aus dem Auto passierten eben noch ein paar Dinge, die für Richter Gerhard Heindl und die Schöffen den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllen. Der ist gegeben, wenn der Täter "mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt".

Recht freimütig erinnert sich das Opfer aus Oberfranken an die Nacht im Januar 2015 gegen 1 Uhr. Schon des öfteren habe er sich mit Internetkontakten getroffen und dabei immer zur Sicherheit Eltern oder eine Freundin informiert. "Das war das erste Mal, dass keiner Bescheid wusste." Der Oberpfälzer habe sich als erst 18 Jahre und schüchtern ausgegeben. "Ich dachte, er macht seine ersten Erfahrungen. Da stürzt man sich doch nicht gleich aufs Intimteil."

Schon nach kurzem Schäferstündchen auf dem Rücksitz habe er den 24-Jährigen gebeten, aufzuhören. Als er trotz gepacktem Penis aus dem Auto sprang, kam es zur Rangelei auf dem Teerweg. Nachts, im Januar, irgendwo abgelegen. "Ich habe befürchtet, ich überleb's nicht", sagte der 20-Jährige. "Er hat klipp und klar gesagt: Entweder du machst freiwillig mit, oder ich mach's gewaltsam." Er habe daher versucht, "auf Zeit zu spielen". Zwischen den sexuellen Handlungen unternahmen die beiden einen Spaziergang, bei dem der Franke heimlich eine SMS an eine Freundin absetzte: "Hilfe, ich werde vergewaltigt." Zurück am Auto griff der Angeklagte erneut zu.

Die Freundin alarmierte die Eltern, diese wiederum die Polizei in Oberfranken. Per Handy-Ortung wurde der 20-Jährige aufgespürt, der dann ohnehin auf der Weidener Wache aufkreuzte und Anzeige erstattete. Nach der Festnahme wies der 24-jährige Angeklagte den Kriminalbeamten von sich aus auf pornografische Bilder und Videos auf seinem Laptop hin. Tatsächlich fanden IT-Fachleute 780 Fotos und 111 Videos mit einer Laufzeit von 13 Stunden, auf denen Kinder unter 14 Jahren autoerotische Handlungen und Sex mit erwachsenen Männern ausführen.

"Es passiert immer etwas"

Staatsanwalt Schnappauf dazu: "Mancher mag sagen: Da ist ja nichts passiert. Ich sage: Es passiert immer etwas, wenn man solche Bilder in der Hand hat. Es setzt voraus, dass hier Kinder tatsächlich missbraucht werden, sonst könnte man davon keine Bildaufnahmen machen." Laut Verteidiger Maximilian Keser hatte der Angeklagte die Fotos nicht aus Eigeninteresse gespeichert. Eine Internetbekanntschaft habe sie ihm zu einem Treffen mitgebracht. Gegen diesen Mann läuft inzwischen ein eigenes Ermittlungsverfahren. Den Vorfall im Wald sah Keser als "Einzelepisode" im Leben seines bisher unbescholtenen Mandanten.

Staatsanwalt Schnappauf nutzte die Gelegenheit, auf "Gefahren der modernen Kommunikationswelt" hinzuweisen: "Man weiß nie, mit wem man da zusammentrifft und ob man die Situation noch kontrollieren kann oder sie eskaliert - wie hier geschehen."
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