Brüssel unterm Brennglas

John Harris (links), Chefredakteur für Marketing und Werbung, und Jim VandeHei, Chefredakteur und Mitbegründer von "Politico", stellten ihr Projekt jüngst auf einer Veranstaltung des Verlags Axel Springer vor. Bild: dpa

"Politico" steht in den USA für eine Revolution der Politikberichterstattung. Jetzt kommt die Nachrichtenseite nach Europa. Mit deutscher Unterstützung und großen Ambitionen.

Der europäische Ableger der amerikanischen Onlineplattform Politico geht im Frühjahr 2015 an den Start. Für das vom deutschen Verlag Axel Springer ("Bild", "Die Welt") maßgeblich mitfinanzierte Projekt wird nach Angaben in den kommenden Monaten in Brüssel eine Redaktion mit mehr als 30 Journalisten aufgebaut. Sie soll Texte über die EU-Politik für die Webseite "Politico".eu schreiben und eine Wochenzeitung erstellen.

Um das Herausgeben der Print-version zu erleichtern, übernahm das Joint-Venture von "Politico" und Axel Springer die in Brüssel erscheinende Wochenzeitung "European Voice". Sie werde künftig unter dem Namen "Politico" erscheinen, teilten die Unternehmen mit. Ein Großteil des neuen Angebots soll sich an Politik-Insider wenden und kostenpflichtig sein.

Geld mit Abos verdienen

Details zu den Investitionen nannte Springer bei der Vorstellung des Projekts nicht. "Wir werden ausreichend Mittel zur Verfügung stellen, um die Redaktion in der Größenordnung und Qualität aufzubauen, die wir brauchen", kommentierte Ralph Büchi, Präsident von Axel Springer International. Auch den Kaufpreis für "European Voice" und die ebenso erworbene Veranstaltungsagentur DII wolle man nicht nennen.

Geld will "Politico" vor allem mit einem Abo-Dienst für Politiker, deren Mitarbeiter und für Lobbyisten verdienen. "Wir werden den Markt hier ganz genau analysieren, um zu sehen, wo wir die Preise im Detail ansetzen", erklärte Büchi. Grundsätzlich werde man sich aber am US-Angebot orientieren, wo Nutzer zum Teil mehrere Tausend Dollar für ihr Abonnement zahlten.

Für "Politico" arbeiten in Washington mittlerweile mehr als 200 Journalisten. Die Nachrichtenwebseite wurde 2007 in der US-Hauptstadt Washington gegründet. Sie krempelte mit einer aggressiven Berichterstattung den amerikanischen Politikjournalismus um. Die digitalen Angebote werden nach eigenen Angaben jeden Monat von vier bis acht Millionen Nutzern besucht. Zudem gibt "Politico" Newsletter sowie ein Magazin heraus und organisiert Diskussionen und Tagungen.

Klarer Führungsanspruch

Mittlerweile zählt die Webseite zu den größten Konkurrenten der traditionsreichen "Washington Post" - eben jener Tageszeitung, bei der die "Politico"-Gründer John Harris und Jim VandeHei vorher gearbeitet hatten. "Politico" wolle nun das führende Medium in der EU-Berichterstattung werden, kommentierte Chefredakteur Harris. Das Geschehen in Brüssel solle so spannend dargestellt werden wie die Politik in Washington. Leiter der europäischen Redaktion wird Matthew Kaminski, der vom "Wall Street Journal" kommt.

Auch in Europa ist geplant, Konferenzen zu organisieren und Fachnachrichten für Abonnenten zu europapolitischen Themen wie Energie, Gesundheit und Technologie anzubieten. Zudem soll es eine EU-Version des charakteristischen "Politico"-Newsletters geben, der frühmorgens wichtige Nachrichten des Tages gemeinsam mit eigenen Exklusiv-Geschichten und Politik-Klatsch verbreitet.
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