Buchhalter mit Rollator

Der Angeklagte Oskar Gröning muss von Rettungsdienstmitarbeitern gestützt werden, als er den Gerichtssaal in Lüneburg betritt. Der "Buchhalter von Auschwitz" ist voll geständig. Bild: dpa

In einem der letzten großen Auschwitz-Prozesse wird dem früheren SS-Mann Oskar Gröning Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vorgeworfen. Nach sieben Jahrzehnten kommt er vor Gericht, als 93-Jähriger. Doch nun gibt es Probleme wegen seiner Gesundheit.

Lüneburg (dpa) Die Schwäche ist dem 93-Jährigen anzusehen. Gestützt auf seinen Rollator betritt der frühere SS-Unterscharführer an Prozesstagen den Gerichtssaal in Lüneburg. Er wirkt entkräftet, kommt nur langsam voran. Hat er erst einmal hinter der Anklagebank Platz genommen, darf er als einziger im Saal sitzen bleiben, wenn die Kammer einzieht. Eine Sonderregelung für Oskar Gröning, der sich seit dem 21. April wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vor dem Landgericht verantworten muss. Auch die beiden Sanitäter stehen dann auf, sonst sitzen sie direkt hinter dem Mann im weißen Oberhemd mit Bügelfalten. "Wegen der angegriffenen Gesundheit des Angeklagten stellt das Gericht sich darauf ein, dass der Prozess länger dauern könnte", sagt Landgerichtssprecherin Frauke Albers. Es sei aber beabsichtigt, die Hauptverhandlung am 26. Mai fortzusetzen. Derzeit würden sicherheitshalber Termine bis Ende November abgestimmt. Nach bisheriger Planung sollte ein Urteil am 29. Juli fallen.

Nur drei Stunden am Tag

Am 7. Mai ist Gröning das erste Mal dem Prozess ferngeblieben. Das Gericht sieht "keine Anhaltspunkte für Simulationstendenzen", beauftragt aber einen Arzt. Der hält Gröning für verhandlungsfähig, mit Einschränkungen. Seitdem soll nur noch höchstens drei Stunden am Tag verhandelt werden. Doch schon am vergangenen Mittwoch muss der für Donnerstag angesetzte Verhandlungstermin erneut aufgehoben werden: Wieder kommt der Prozess wegen einer Erkrankung des Angeklagten nicht voran. Weitere Angaben zum Gesundheitszustand Grönings werden nicht gemacht.

Gröning, der auch als "Buchhalter von Auschwitz" bezeichnet wird, hat gestanden, während der "Ungarn-Aktion" im Sommer 1944 Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und nach Berlin weitergeleitet zu haben. Am ersten Tag des Prozesses hat er sich zu seiner moralischen Mitschuld bekannt.

Doch wie geht es weiter, wenn Gröning krank bleibt? Sollte ein Arzt ihn für verhandlungsunfähig erklären, so gibt es drei Möglichkeiten. Bei einer Dauer von bis zu drei Wochen könne der Prozess ohne größere Folgen vorübergehend unterbrochen werden, sagt Gerichtssprecherin Frauke Albers. Dauert die Unterbrechung aber länger, so muss alles von vorn beginnen, auch die Zeugen müssten erneut aussagen. Doch auch das endgültige Aus ist denkbar. Albers: "Stellt sich im Laufe eines Prozesses die dauerhafte Verhandlungsunfähigkeit eines Angeklagten heraus, so stellt das Gericht das Verfahren gegen ihn endgültig ein."

Keine Flucht in Krankheit

"Herr Gröning will sich dem Verfahren sicher nicht durch Flucht in Krankheit entziehen", sagt Hans Holtermann, der Verteidiger des Angeklagten. "Ihm ist daran gelegen, den Prozess zu einem ordnungsgemäßen Abschluss zu bringen." Gröning wolle erneut zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung nehmen, hatte Holtermann am 13. Mai gesagt. Das solle voraussichtlich schon an einem der nächsten Verhandlungstage geschehen.
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