Bürgermeister: Flüchtlinge kommen "jetzt erst recht"

Ein halbes Jahr nach dem Brandanschlag von Vorra brennt in Bayern wieder eine Flüchtlingsunterkunft. Unbekannte zünden ein Gebäude an, in dem 67 Asylbewerber untergebracht werden sollten. Einige sehen in der Haltung der Staatsregierung "geistige Brandstiftung".

Ein halbes Jahr nach dem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Mittelfranken hat in Bayern wieder eine geplante Unterkunft für Asylbewerber gebrannt. Unbekannte legten in der Nacht zu Donnerstag Feuer in einem Gebäudekomplex im oberbayerischen Reichertshofen (Kreis Pfaffenhofen an der Ilm), in den am 1. September Flüchtlinge einziehen sollten.

Bei den Einzugsplänen soll es auch bleiben, betonte Landrat Martin Wolf. "Das soll ein Signal an die Täter sein." Der Bürgermeister von Reichertshofen, Michael Franken, hofft, "dass ein Ruck durch den Ort geht nach dem Motto: Jetzt erst recht". Die Unterkunft war innerhalb der Dorfgemeinschaft umstritten. Wie die Polizei mitteilte, wurde am frühen Morgen an zwei Eingängen des Gebäudekomplexes Feuer gelegt, ein Nachbar hatte den Brand in dem leerstehenden Gasthof entdeckt. Die Feuerwehr konnte die Flammen schnell unter Kontrolle bringen. Der Diskotheken-Gastraum des früheren Landgasthofs brannte völlig aus, der Sachschaden beträgt mindestens 150 000 Euro.

Zwei Brandherde

Schmierereien seien nicht gefunden worden. "Ein fremdenfeindlicher Hintergrund ist nicht auszuschließen", sagte aber Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer. "Wenn es zwei Brandherde gibt, ist das ein deutlicher Hinweis auf Brandstiftung", betonte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). "Ich bin empört und erschüttert über die hinterhältige Straftat", sagte der oberbayerische Regierungspräsident Christoph Hillenbrand und betonte, die ehrenamtliche Arbeit mit Flüchtlingen müsse weitergehen. "Sie ist wichtiger denn je."

Von den mutmaßlichen Brandstiftern fehlte nach Polizeiangaben zunächst jede Spur, eine Sonderkommission wurde gegründet. Außerdem wurden Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes in München in die Ermittlungen eingebunden, ein Brandspürhund war vor Ort. 67 Asylbewerber sollten in der geplanten Unterkunft eine Bleibe finden. Wenn es länger dauert, das Hauptgebäude, das nicht so stark beschädigt wurde, wieder instand zu setzen, werde sich der Einzugstermin verschieben, sagte Landrat Wolf.

Im Ort hatte es vor einigen Monaten noch hitzige Diskussionen über die Unterkunft gegeben. "Es gab Proteste aufgrund des geplanten Umfanges einer Unterbringung", sagte ein Polizeisprecher. Ursprünglich hätten mehr als 100 Asylbewerber dort einziehen sollen, die Zahl sei aber dann reduziert worden.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatten in Vorra (Kreis Nürnberger Land) zwei geplante Flüchtlingsunterkünfte gebrannt. Auch in anderen Teilen der Bundesrepublik gab es Vorfälle dieser Art: Zuletzt wurde in den Nächten zum 11. und 12. Juli Schüsse auf Flüchtlingsheim in Böhlen bei Leipzig abgegeben. In der Nacht zum 1. Juli wurde eine geplante Flüchtlingsunterkunft im hessischen Mengerskirchen mit Schweineköpfen, Innereien und Schmierereien beschmutzt. Brandanschläge gab es auch im sächsischen Meißen, in Lübeck, in Limburgerhof in Rheinland-Pfalz und in Tröglitz in Sachsen-Anhalt.

Amnesty: Beschämend

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International rief Politiker dazu auf, Flüchtlinge in Deutschland besser zu schützen und keine Ablehnung zu schüren. "Der starke Anstieg rassistisch motivierter Gewalt muss ein Weckruf für die Politik sein, sich rassistischen Ressentiments in der Gesellschaft klar entgegenzustellen", sagte die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Selmin Caliskan. Es sei beschämend, wenn sich Politiker "in einem reichen Land wie Deutschland auf eine angebliche Überforderung berufen, statt ihrer Pflicht nachzukommen und Flüchtlinge zu schützen".

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/asyl http://www.oberpfalznetz.de/fluechtlingsmaedchen
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