"Bypass" für das Trinkwasser

Wie im Spätherbst - nach dem Laubfall - wirken zahlreiche Birken wie hier im Landkreis Amberg-Sulzbach. Seit März regnete es in der mittleren und nördlichen Oberpfalz nur knapp die Hälfte der durchschnittlichen Menge von bis zu 300 Litern pro Quadratmeter. Der August ist bereits der sechste zu trockene Monat in Folge. Die Oberpfälzer Landschaft brennt immer mehr aus. Bild: Petra Hartl
 
Zum Rinnsal ist der Ammerbach in Amberg verkümmert. Die Messstelle registriert einen Pegelstand von nur noch einem Zentimeter. (Bild: Hartl)

Die Pumpen laufen mit ganzer Kraft: Immer mehr Gemeinden hängen beim Trinkwasser am Tropf, weil die Ausschüttung ihrer eigenen - relativ flachen - Brunnen "gegen Null" tendiert. "Voll gefordert" ist deshalb in diesen Tagen die Steinwaldgruppe, die "Zusatzwasser" in rekordverdächtigen Mengen in die Landkreise Tirschenreuth, Neustadt/WN und Amberg-Sulzbach leitet.

Weiden/Amberg. "Die Trinkwasser- Eigenleistung geht in einer wachsenden Zahl von Kommunen in der nördlichen Oberpfalz ziemlich in die Knie", bestätigt Bernhard Eigner, Geschäftsleiter der Steinwaldgruppe in Tirschenreuth. Mit einer Rekord-Kapazität von 11 000 Kubikmetern am Tag sichert der bedeutende Wasserversorger in der Region den Trinkwasser-Fluss. Zum Vergleich: Die "normale" Förderung der Steinwaldgruppe an heißen Sommertagen beträgt 7000 bis 8000 Kubikmeter, der Jahresdurchschnitt bringt es nur auf 6500 Kubikmeter täglich.

Quasi das "Herz" der Steinwaldgruppe bildet dabei das Wasserwerk Oed (nördlich von Parkstein). Die bis zu 160 Meter tiefen Brunnen beliefern 29 Gemeinden, von denen in der Regel nur sieben ihr gesamtes Trinkwasser von der Steinwaldgruppe beziehen. Aber was ist in diesem Jahrhundert-Sommer schon normal! Geschäftsleiter Eigner appelliert an die Verbraucher, "sparsam und sorgsam" mit dem Trinkwasser umzugehen, das Gießen des Gartens auf das "Notwendigste" zu beschränken. Auch der Ausfall eines Tiefbrunnens in Oed wegen dringender Sanierung entspannt nicht gerade die Lage, er soll noch im August ans Netz.

Eine "Oase des Wasser-Glücks" bildet dagegen nach Aussage von Professor Dr. Stefan Prechtl die Stadt Amberg. "Die Situation ist sehr günstig, es gibt keine größeren Ausschläge", berichtet der Geschäftsführer der Stadtwerke. Die bis zu 136 Meter tiefen Brunnen seien von der aktuellen Lage "entkoppelt".

Problem für Forellen

Gemischt schaut das Bild bei den Fischzüchtern in der Oberpfalz aus. Während die robusten, widerstandsfähigen Karpfen einigermaßen stabil in den auf bis zu 28 Grad aufgeheizten Weihern über die Runden kommen, treten bei Forellen und Saiblingen zahlreiche Ausfälle auf. "Die Lage ist heftig, dramatisch. An eine solche Situation kann ich mich nicht erinnern", sagt Alfred Stier, der in den Landkreisen TIR, NEW und SAD mit 12 Mitarbeitern rund 500 Tagwerk Fischgründe bewirtschaftet.

Die hohe Wassertemperatur mache forellenartige Fische anfällig für Parasiten. "Das stark erwärmte Wasser kann auch den künstlich zugeführten Sauerstoff nicht mehr aufnehmen." Wenn sich das Wetter im nächsten Jahr nicht entscheidend entspanne, denkt Stier "ernsthaft über alternative Fischarten nach, die höhere Temperaturen besser vertragen". Bei den Karpfen verzichten viele Züchter derzeit auf jegliche Fütterung, damit die Weiher nicht umkippen. "Noch von keinen schwerwiegenden Auswirkungen", erzählt Stefanie Maierhöfer aus Kornthan bei Wiesau. Die Lage sei auch deshalb einigermaßen entspannt, weil ihre Karpfen-Teiche über sogenannte Bewässerungs-Ketten bedient werden.

"Teilweise schlimm" steht es nach Einschätzung von Reinhold Lenz (Leiter des Forstbetriebs Schnaittenbach) um die Oberpfälzer Wälder. "Weil der Erdboden bis in eine Tiefe von einem dreiviertel Meter wasserleer ist, leidet besonders die Fichte als Flachwurzler." Ihr Holz weise in diesem Sommer einen wesentlich niedrigeren Saftgehalt auf. Ebenfalls auf dem "jahreszeitlich fortgeschrittenen Stand von Oktober" finden sich zahlreiche Laubbäume, angefangen von der Birke, "die teilweise schon kahl ist". Zunehmend vom verfrühten, massiven Laubfall seien nun Weiden, Ahorn, Linden und Buchen betroffen. "Nur die älteren Eichen als Tiefwurzler sind noch sommerlich grün." Lenz: "Unsere Bäume sind im Wasserstress. Wir brauchen dringend einen feuchten Herbst und dann einen nassen Winter."

"Täglich von früh bis abends" muss Peter Punzmann seine 30 Hektar umfassende Gartenbauschule in Menzlhof bei Windischeschenbach bewässern. "An eine vergleichbare Trockenperiode kann ich mich nicht erinnern." In Zusammenarbeit mit der Landesversuchsanstalt für Gartengestaltung Veitshöchheim experimentiert Punzmann seit drei Jahren mit sogenannten Klima-Bäumen: "Baumarten wie Amber, Zimtahorn oder besondere Linden halten die Trockenheit wesentlich besser aus als die einheimischen Gehölze."

Mineralwasser boomt

Auf einen neuen Jahrhundert-Sommer - ähnlich wie 2003 - stellt sich die Kondrauer Mineral- und Heilbrunnen GmbH bei Waldsassen ein. Nach Auskunft von Geschäftsführer Gerald Hruby hat sich die Abfüllmenge auf täglich etwa 500 000 Flaschen "explosionsartig verdoppelt". Im Frühjahr und Herbst liefert Kondrauer im Tagesdurchschnitt rund 200 000 Flaschen aus. Hruby berichtet von Überstunden und Hochkonjunktur, sogar ehemalige Mitarbeiter müssen für die heißen Wochen im August reaktiviert werden. "Die Lage in unserer Branche ist durchaus angespannt." Gottlob habe man mit zusätzlichen Etiketten, Schraubverschlüssen, Flaschen und Kästen vorgesorgt. Hruby bittet die Konsumenten dennoch, "das Leergut nicht im Keller schlummern zu lassen".

Massenweise werfen die Obstbäume ihre Früchte ab. "Wenn es nicht bald ausgiebig regnet, verlieren die Bäume noch mehr Obst", sagt Maria Ott von der Mosterei Ott in Haselbrunn/Speinshart. Ein Gutes hat das Mehr an Sonnenstunden: Die verbleibenden Früchte weisen einen ungewöhnlich hohen Zuckergehalt auf.
Weitere Beiträge zu den Themen: Themen des Tages (14863)August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.