Das Niépce-Museum in französischen Chalon-sur-Saône
An der Wiege der Fotografie

In den Vitrinen und an den Wänden ist der Werdegang vom groben Holzkasten bis zu den modernsten Kameras übersichtlich dargestellt. Bild: Musée Niépce
 
Der Künstler Léonard François Berger hat nach dem Tod von Joseph Nicéphore Niépce im Jahre 1854 den Erfinder auf diesem Ölgemälde porträtiert.
Die Geschichte kennt Fälle, in denen Entdecker und Erfinder von Nachfolgern oder Konkurrenten "bestohlen" worden sind. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Benennung des 1492 entdeckten Kontinents. Der erhielt nicht den Namen seines Entdeckers Kolumbus, sondern den des Florentiners Amerigo Vespucci, obwohl dieser erst sieben Jahre später seine Entdeckungsfahrten begann.

Auf einen ähnlichen Fall stoßen wir in dem kleinen Dorf Saint-Loup-de-Varennes am Südrand der 80 000-Einwohner-Stadt Chalon-sur-Saône im französischen Burgund. Dort steht am Ortseingang ein großes, jedoch wenig ästhetisches Mauerstück mit der Inschrift: "In diesem Dorf hat Nicéphore Niépce 1822 die Photographie erfunden".



Umso mehr imponiert im Stadtzentrum die stolze Statue, die ausnahmsweise einmal nicht einen napoleonischen General darstellt, sondern Nicéphore ("Siegträger") Niépce, der hier 1765 geboren wurde und 1833 verstarb. Seine rechte Hand zieht nicht einen Degen, sondern hält das Gerät, das ihn unsterblich machte - einen Fotoapparat.

Expertenstreit

Allerdings gibt es wie bei vielen bahnbrechenden Erfindungen einen Expertenstreit darüber, welchen Anteil der Engländer William Henry Fox Talbot und Niépces Landsmann, der Bühnenmaler Jacques Daguerre, an der Erfindung haben. Fest steht, dass Letzterer das fotografische Abbildungsverfahren erfunden hat. Dabei hat er eine versilberte, polierte Kupferplatte mit Jod-Dämpfen sichtbar gemacht und das Bild durch Quecksilberdampf entwickelt und fixiert. Der Benennung dieses Verfahrens als "Daguerrotypie" hat der Sohn Niépces, Isidor, per Vertrag zugestimmt. Sein Vater Nicéphore Niépce teilt damit das Schicksal Kolumbus'.In dem 1974 eröffneten Niépce-Museum der Stadt Chalon, dem "Ersten europäischen Museum des Bildes", kann man die auch heute noch nicht abgeschlossene Entwicklung des neuen Mediums beobachten. Begonnen hat sie mit der ältesten Fotografie der Welt, mit Niépces Bild "Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras" im Jahre 1827.

Blick aus dem Zimmer

Sie erinnert ein wenig an ein abstraktes Schwarzweiß-Bild. Niépce gelang jedoch schon im selben Jahr ein Stillleben, das sogar heutigen künstlerischen Ansprüchen genügt. In den Vitrinen und an den Wänden kann man eine "Zeitreise" durch die vielen Etappen der Fotografie absolvieren - vom klobigen Holzkasten bis zu den Digitalkameras. Besonders fasziniert das anfängliche "Gerangel" zwischen den "Schönen Künsten" und dem neuen Medium. Während die Maler zunehmend auf die Wiedergabe der Natur verzichteten, bemühten sich die Fotografen, "die Natur in größter Genauigkeit zu kopieren". Die Maler schufen sich ihre Motive, die Fotografen suchten sie.

In dieser "Kinderstube der Fotografie" kann man Landschafts-, Akt-, Porträt- und Stillleben-Bilder ebenso bewundern wie die Namen großer Foto-Künstler wie Atget, Man Ray, Cartier-Bresson oder Doisneau. Was wäre die Mode ohne die Fotografie? Und ist eine Reise ohne Fotos überhaupt vorstellbar?



Heute versuchen Fotokünstler - im Gegensatz zu ihren Vorreitern der Anfangsjahre - absichtlich, mit Technik und Tricks unscharfe, verschwommene Bilder und Collagen zu schaffen. Auch dafür finden sich Beispiele in den Wechselausstellungen des Museums von Chalon. Wer jedoch nicht so weit fahren will, der kann im Bayerischen Nationalmuseum in München eine der ersten Daguerrotypien bewundern. Sie zeigt eine Ansicht des Pariser Boulevard du Temple aus dem Jahr 1838.

Weitere Informationen im Internet:

http://www.museeniepce.com
Weitere Beiträge zu den Themen: Dezember 2009 (11578)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.