Den Absturz geprobt

Das Bild zeigt das Cockpit des verunglückten Airbus A320 mit der Kennung D-AIPX der Fluggesellschaft Germanwings am 22. März in Düsseldorf. Zwei Tage später zerschellt die Maschine beim Flug von Barcelona nach Düsseldorf an einem Berghang in den französischen Alpen. Den Absturz soll der Copilot absichtlich herbeigeführt haben. Die Ermittler haben nun herausgefunden, dass der zweite Kapitän ein Absturzmanöver bereits auf dem Hinflug getestet hat. Archivbild: dpa

Es ist ein seltener Fall, selbst für die Flugunfall-Experten. Erschreckend klar in der Analyse, hochkompliziert im Hinblick auf mögliche Konsequenzen.

Wo sonst oft mühsame Puzzlearbeit nötig ist, besteht bei 4U9525 kein Zweifel mehr am Szenario eines absichtlich herbeigeführten Absturzes. "Das Verständnis dessen, was geschehen ist, war ziemlich schnell", sagt Rémi Jouty, der Chef der Untersuchungsbehörde Bea.

Versuch unbemerkt

Mehr und mehr vervollständigen die Ermittlungsergebnisse das Bild: Schon auf dem Hinflug nach Barcelona verstellte der 27 Jahre alte Copilot heimlich die Höheneinstellung des Fliegers, setzte sie auf etwa 30 Meter. Mal nur für einen Augenblick, einmal für rund 50 Sekunden. Schon zu diesem Zeitpunkt war er allein im Cockpit und hätte den Flieger ins Verderben steuern können. Doch als der Kapitän zurückkommt, lässt er ihn noch einmal herein. War das ein Ausprobieren, ein Einstudieren des Kollisionskurses, der das Flugzeug mit 150 Menschen an Bord wenige Stunden später auf dem Rückweg nach Düsseldorf ins Felsmassiv der französischen Alpen steuern würde? Oder war es ein Zögern? Er werde nicht darüber spekulieren, was im Kopf des Mannes vorgegangen sei, sagt Jouty. Bemerkt hat den Eingriff jedenfalls niemand, das Flugzeug war auf Anordnung der Fluglotsen ohnehin im Sinkflug. Es ist ein weiteres Puzzleteil, das auf ein wohlüberlegtes Vorgehen des 27-Jährigen hindeutet.

Mit dem nun nach gerade sechs Wochen veröffentlichten französischen Zwischenbericht lässt sich der Ablauf des Todesflugs bis ins Detail nachvollziehen: Um 10.30 Uhr verlässt der Kapitän das Cockpit, eine halbe Minute später ändert der Copilot die Kurshöhe. Schließlich die Alarmsignale, der Aufprall um 10.41 Uhr.

Motiv weiter unklar

Doch alle präzisen technischen Fakten lassen ein großes Fragezeichen: Was den Copiloten zu der Tat führte, ist nach wie vor unklar. Lufthansa und Luftfahrtbundesamt wussten von der Behandlung des Mannes wegen Depression im Jahr 2009, sein Tauglichkeitszeugnis wurde deshalb zunächst nicht verlängert - dann wurde Lubitz aber doch als flugtauglich eingestuft. Die Debatte über die medizinischen Untersuchungen von Piloten läuft bereits heiß, auch die französische Bea will diesen Aspekt bis zu ihrem Abschlussbericht im kommenden Jahr noch näher beäugen. Jouty: "Wir haben viel Arbeit zu tun." Für die juristische Aufarbeitung ist dann aber die Staatsanwaltschaft zuständig.

Knifflig ist auch die eigentlich simple Frage: Was tun? Dieser Ablauf war so nur möglich, weil nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Flugzeugcockpits zu Festungen ausgebaut wurden. Die Schließmechanismen sollten sicherstellen, dass niemand gegen den Willen der Piloten hineinkommt. Jouty gibt zu bedenken: Solle zugleich verhindert werden, dass ein Pilot das Flugzeug zum Absturz bringen könne, gebe es zwei widersprechende Ziele.

So schlagzeilenträchtig der Absturz ist - nicht das erste Mal ließ ein Pilot ein Flugzeug absichtlich zerschellen. Die französische Untersuchung listet weltweit sechs Fälle seit dem Jahr 1980 auf, bei denen eine Tat eines Crewmitglieds nicht ausgeschlossen werden kann. In vier davon saßen zwei Personen im Cockpit.
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