Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider verteidigt das Papier zu Ehe und Familie
Wir sind keine Zeitgeist-Surfer

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, betont, die Ehe bleibe das Leitmodell. Es gebe keinen Kurswechsel. Bild: dpa
 
Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss sieht das EKD-Familienpapier kritisch. Bild: Huber

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, rechnet mit einer längeren Debatte über die EKD-Orientierungshilfe zu Ehe und Familie. Im Interview verteidigt er das Papier gegen Kritik, die vor allem von theologisch konservativen Gruppen kam.

Bei der Vorstellung des EKD-Familienpapiers haben Sie dazu aufgerufen, gesamtgesellschaftlich eine Debatte zu führen. Die ist nun im vollen Gang. Sind sie zufrieden?

Schneider: Ich bin mit dieser Debatte sehr zufrieden, wenngleich nicht mit allen Äußerungen. Manche verzerren, und es gibt manche, die sich erkennbar gar nicht bemühen, den Duktus und das Anliegen unserer Schrift wiederzugeben. Die zum Teil heftigen Reaktionen zeigen, dass diese Orientierungshilfe eine Themenstellung trifft, die für die meisten Menschen von großer Bedeutung ist und bei der die Lebenseinstellungen deutlich auseinandergehen. Auch die Perspektiven, mit denen der Text beurteilt wird, sind sehr unterschiedlich. Offensichtlich besteht ein großer Diskussionsbedarf.

Einige Reaktionen waren sehr harsch. Waren Sie überrascht?

Schneider: Ich bin nicht wirklich überrascht. Wer über Familie schreibt, der schreibt über Fragen, die Menschen bis ins Tiefste treffen können. Das ist ein hoch emotionalisiertes Thema. Es gibt Menschen, die die EKD-Schrift als befreiend erleben und sich sehr darüber freuen. Aber es gibt auch Menschen, die dadurch ihr Lebenskonzept infrage gestellt sehen, und manche reagieren dann harsch ablehnend.

Welchen Stellenwert hat dieses Papier?

Schneider: Das Papier ist eine Orientierungshilfe und keine lehramtliche Verlautbarung - so etwas gibt es zum Glück gar nicht in der evangelischen Kirche. Wir erheben nicht den Anspruch, es gebe nur eine einzige mögliche Position zu den ethischen Fragen von Ehe und Familie. Das enttäuscht natürlich diejenigen, die von uns Eindeutigkeit erwarten nach dem Motto: So hat es zu sein und so habt ihr um Gottes Willen zu leben.

Welche Orientierung will die EKD geben?

Schneider: Die EKD will mit ihrer Schrift bei der Gestaltung von Familie Orientierung geben durch die Werte: Verlässlichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, Fürsorge und Beziehungsgerechtigkeit. Diese Werte sollen auf die heutige Wirklichkeit bezogen gelebt werden. Die Wirklichkeit familiären Lebens hat sich aber in den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt. Auch die Rechtsprechung und die Rechtsetzung haben sich erheblich verändert. Darauf reagieren wir, indem wir die gesellschaftliche Realität in Relation zum biblischen Zeugnis setzen und eine Diskussion über Konsequenzen führen.

Was hat sich geändert?

Schneider: Erstens die Position und die Stellung der Frau. Es gibt eine Gleichberechtigung auch in der Ehe. Ein Beispiel: Keine Frau muss ihren Ehemann mehr fragen, ob sie ein Konto eröffnen darf. Es ist noch gar nicht so lange her, dass das nötig war. Zweitens: der verstärkte Blick auf das Kindeswohl. Drittens kam das Verbot der Diskriminierung Homosexueller hinzu. Auf diese drei großen Veränderungen wollte die evangelische Kirche reagieren.

Bisher galt allerdings die Ehe als Leitbild, und dies findet sich in der Orientierungshilfe nicht wieder. Professorin Ute Gerhard, die stellvertretende Vorsitzende der von der EKD berufenen Ad-hoc-Kommission, hat von einem Kurswechsel gesprochen. Teilen Sie das?

Schneider: Ich würde lieber von einem Perspektivwechsel sprechen. Die Werte, die den Leitbildcharakter der Ehe begründen, werden auf die Familie ausgeweitet. Und das halte ich nicht für einen Kurswechsel.

Ein Teil der Kritik dreht sich um die Bewertung des Instituts Ehe.

Schneider: Auch im Blick auf die Institution sehen wir Ehe und Familie zusammen. Die Ehe erweitert sich in den meisten Fällen zur Familie. Und die meisten Familien haben in der festen Zweierbeziehung der Ehe ihren inneren Kern. Die vorhergehenden Aussagen der EKD zur Ehe werden aufgenommen und erweitert. Wir würden heute zwar nicht mehr wie Luther sagen, dass die Institution der Ehe eine Schöpfungsordnung ist. Für die Schrift bleibt sie aber eine gute Gabe Gottes.

Der württembergische Landesbischof Otfried July oder der anhaltinische Kirchenpräsident Joachim Liebig sind auf Abstand zu dem Papier gegangen. Wie geht es weiter?

Schneider: Die Kritik war solidarisch, fair und maßvoll vorgetragen. Und auch wenn ich die Kritik nicht teile, ist es notwendig, über einzelne Kritikpunkte zu diskutieren.

Welche Punkte sind das?

Schneider: Bischof July hat die Schrift differenziert aufgenommen und weite Passagen deutlich gelobt. Er hatte drei kritische Fragen. Erstens: Ob die Schrift theologisch genügend durchdrungen sei. Zweitens: Ob die Ehe als Institution genügend Berücksichtigung gefunden habe. Und drittens: Ob bei solchen Papieren nicht ein breiterer Konsultationsprozess unter Einbeziehung der Landeskirchen nötig sei.

Wie wollen Sie die Kritiker integrieren und zu einer einheitlichen Meinungsbildung kommen?

Schneider: Ich will erst einmal gar nichts vereinheitlichen. Die Kirchen der Reformation leben auch im Blick auf ethische Fragen eine versöhnte Verschiedenheit. Beim Thema Ehe und Familie brauchen wir eine Zeit lang diese Debatte, damit alle Vorbehalte, Ängste und Sorgen ausgesprochen werden können. Man muss unterschiedliche Positionen ernst nehmen und nicht vorschnell über sie hinweg gehen. Anschließend könnte es dann darum gehen, unterschiedliche Positionen etwa in einer Denkschrift zusammenzuführen.

Wie lange muss nach Ihrer Vorstellung dieser Diskussionsprozess laufen: Monate, Jahre?

Schneider: Ich erwarte eher eine längere Zeit der Diskussion.

Wie stark ist die Vorbildfunktion von Geistlichen in Bezug auf ein gelingendes Familienleben?

Schneider: Die Erwartung der Menschen an die Geistlichen ist nach wie vor hoch - häufig in dem Bewusstsein, dass man selbst den eigenen und biblischen Maßstäben nicht gerecht wird. Stellvertretend sollen das wenigstens die Geistlichen tun.

Und was sind Ihre Erwartungen?

Schneider: Pfarrerinnen und Pfarrer sollen mit ihrem persönlichen Leben nicht konterkarieren, was sie predigen. Deswegen haben wir ein Pfarrdienstrecht, das Aussagen zu unserem persönlichen Leben trifft. Das halte ich für angemessen und richtig. Es gibt einen berechtigten Anspruch, dass Verkündigung und Leben in Relation zueinander stehen.

Muss die evangelische Kirche mit dem Familienpapier der Realität Tribut zollen, dass sich die Lebensführung ihrer eigenen Mitarbeitenden stark gewandelt hat?

Schneider: Die Kirche ist kein Museum, sondern eine lebendige Größe, die das Evangelium unter die Leute bringt. Wir leben in geschichtlichen Prozessen. Und jede Generation hat die Aufgabe, biblische Normen und Werte in ihrer Zeit zu leben. Das hat mit Zeitgeist-Surferei nichts zu tun. Laut Dietrich Bonhoeffer ist der Heilige Geist "der rechte Zeitgeist".
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