Der Herr der Fantastilliarden

Die Anwälte Helmut Miek und Jörg Jendricke mit dem Angeklagten Wolfgang S. (von links). Die Verteidiger hatten es nicht leicht mit ihrem Mandanten, der oft mehr schwatzte, als ihnen lieb war. Bild: Götz

Es ist der längste Strafprozess am Landgericht Weiden seit 15 Jahren. Seit 8 Monaten sitzt die 1. große Strafkammer über Wolfgang S. (68) zu Gericht. Er ist des Betrugs in 78 Fällen angeklagt. Im März könnte das Urteil fallen.

Weiden. Der Möchtegern-Millionär aus Mallorca, immer ganz der elegante Lebemann, erscheint auch am 38. Verhandlungstag noch ordentlich in Sakko mit Einstecktuch. Nach dem Prozessauftakt im Juli hatte er sich in einem Brief an die Redaktion beschwert, dass über solche Details berichtet wird: "Soll ich als gebürtiger Starnberger in Lederhosen laufen?" Gleichzeitig bot er ein Interview in der JVA an. Vielleicht wollte er auch nur Besuch.

Wolfgang Artur Franz S. breitet dabei seine halbe Lebensgeschichte aus. Die Mutter aus Ostpreußen vertrieben, er selbst 1946 in Starnberg geboren und im Rheinland aufgewachsen. Erst das schwarze Schaf der Familie, dann der erste Hippie auf Ibiza. Gelernter Schaufenstergestalter, später Yachtverleiher. Ein Lebenskünstler und Frauenfreund, Vater von fünf eigenen und angeheirateten Kindern. Wolfgang S. redet gern.

Nicht mal Wurst daheim

Und doch bleibt er am Ende eine Antwort schuldig. Wohin sind die Millionen verschwunden? Er hat Geldgeber mit irren Renditeversprechen dazu bewegt, angebliche Gebühren auf Konten in Asien zu überweisen. Alles in allem trieb er wohl über 12 Millionen Euro ein. Weder Staatsanwalt und Kripo noch Detekteien konnten einen Cent zurückholen. Die Konten sind aufgelöst. Wer ist dabei reich geworden? Wolfgang S. lebte auf Mallorca in einer Villa, für die er kaum die Miete aufbrachte. An manchen Tagen hatte er "nicht mal Wurst im Kühlschrank", sagt ein Freund. Kann er nicht oder will er nicht sagen, was dahintersteckt?

Nach 38 Prozesstagen und mehr als 43 Zeugen scheint den Zuhörern folgende Version am plausibelsten - zu welchem Schluss das Gericht kommt, ist offen: Wolfgang S. gerät 2005 an den Klassiker der internationalen Betrugsbranche. Vorschussbetrüger, auch "Nigeria-Connection" genannt nach dem Ursprungsland dieser Betrugsmethode. In Massen-E-Mails werden potenzielle Opfer um vergleichsweise kleine Summen gebeten, mit denen aberwitziges Vermögen losgeeist werden könne.

Wolfgang S. hat zu der Zeit große Pläne. Er will auf Mallorca den Tabakanbau wiederbeleben. Dazu braucht er Geld. Einem Geschäftspartner erzählt er, dass ihm in Südafrika ein Darlehen über 27 Millionen Euro angeboten wird. Dieser Kompagnon, ein Münchener, will ihn nicht allein fliegen lassen. Er kommt mit und bittet einen alten Freund aus Kapstadt dazu. In einem Hotel in Johannesburg treffen sie auf die Verhandlungspartner. Schlank, schwarz, hochgewachsen. "Nie und nimmer Südafrikaner", sagt der Freund aus Kapstadt. Er tippt auf Nigerianer. Das Geld liege in einem Security-House in Johannesburg. Gegen eine Gebühr erhalte S. die 27 Millionen Dollar. Für den Kompagnon ist klar: "Wolfgang sollte über den Tisch gezogen werden wie Tausende andere auch."

Aber Wolfgang S. beißt an und wird zum perfekten Geldeintreiber für diese Mafia. Der Wahl-Mallorquiner ist die Idealbesetzung: Psychiater Dr. Johannes Schwerdtner vermutet bei ihm "Pseudologia Phantastica" und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Wolfgang S. erzählt dem Forensiker die tollsten Storys: Er habe Fidel Castro Fahrräder verkauft. Er ist bei der deutschen Rallye-Meisterschaft anderthalb Sekunden hinter Walter Röhrl ins Ziel gekommen. Wolfgang S. neigt zum Übertreiben, zur Manipulation, zum Betrug. Aber der Gutachter bezeichnet ihn als schuldfähig. Der Psychiater hält auch für denkbar, dass der Angeklagte die Betrugsmasche selbst kopiert hat, eventuell mit Helfern.

Absurde Szenen

Die Story entwickelt sich im Lauf der Jahre weiter: Plötzlich spricht Wolfgang S. nicht mehr von einem Kredit, sondern von seinem eigenen Geld, gemeinsam erwirtschaftet mit dem ermordeten Tabakplantagenbesitzer George Moyo aus Zimbabwe. Wer "Moyo" googelt, landet auf Internetseiten über Spam-Mails. Laut Wolfgang S. gingen die Millionen über die Schweiz nach New York und Kanada, wo sie von FBI und Banken festgehalten wurden. Aus Millionen werden Fantastilliarden. Noch heute behauptet S. felsenfest, er besäße 1,389 Milliarden Dollar. Er malt die Zahl im Schwurgerichtssaal mit einem Filzstift auf ein Flipchart. Wer zweifelt, hat "keine Ahnung vom Business".

Während der Verhandlungstage kommt es zu absurden Szenen. In einer Rauchpause zeigt S. auf den Zigarillo eines Polizisten und behauptet mit seiner tiefen Harald-Juhnke-Stimme: "Aus meinem Imperium." Eines Morgens im Oktober raunt er: "Heute kommt ein Fax aus Johannesburg." Am Mittag rattert prompt das Faxgerät der Weidener Justiz. Vorwahl 0027 für Südafrika. Absender: Benson Moyo, Sohn des ermordeten Plantagenbesitzers. Der Inhalt ist Englisch: Wolfgang S. sei betraut, das Vermögen der Familie zurückzuholen. Wie der Angeklagte das hinbekommen hat, bleibt sein Geheimnis.

Die Richter Walter Leupold, Dr. Marco Heß und Markus Fillinger drehen jeden Stein um. Bei einer Schadenssumme von über 10 Millionen Euro erscheint das berechtigt. Und wenn die Reise dazu in die USA gehen musste, dann musste sie eben in die USA gehen. In New York vernehmen die Richter, Verteidiger und Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf FBI-Agenten und Bankdirektoren. Keiner kennt Wolfgang S. Aus der ganzen Republik reisen Geschädigte an, ein Zeuge wird in der Schweiz gehört. Viele Geldgeber kommen ohnehin aus der Oberpfalz, vermittelt über den Amberger Finanzberater Rainer H. (in U-Haft).

"Die Hoffnung stirbt zuletzt", ist ein viel strapazierter Satz. Auch der gutmütige Unternehmer Michael S. aus dem Landkreis Tirschenreuth glaubt noch an ein Wunder. Der Betriebswirt hat allein 10 Millionen gegeben. 77 Überweisungen in 33 Monaten. Oft hat ihn seine brave Buchhalterin bis Feierabend überzeugt: Kein Geld mehr an Herrn S.! Über Nacht stimmt ihn der Angeklagte in Telefonaten und Mails wieder um. In vielen Stunden haben die Richter den Schriftverkehr verlesen: "Dear Michael, du lässt mich nicht hängen und ich dich nicht. Dann hast du die 10 Mio. Saludos, danke, gute Nacht!"
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