Der Magnet unter der Haut

"Cyborg" Tim Cannon hält durch Magnetismus einen Kopfhörermagneten an seinem Finger. Er hat sich einen reiskorngroßen Magneten unter die Haut im Finger verpflanzen lassen. Bild: dpa

Der Maschinenmensch fasziniert Künstler seit jeher. Doch "Cyborgs" gibt es längst nicht mehr nur in die Science-Fiction-Welt. Einige experimentierfreudige Technik-Freaks tragen schon implantierte Magneten und Chips - ein nicht nur ethisches Reizthema.

Aufgepolsterte Brüste und Fitnessarmbänder, die unsere Schritte zählen, sind nur zwei von inzwischen Hunderten von tragbaren Hilfsmitteln zur körperlichen "Selbstoptimierung". Eine kleine Gruppe geht noch einen Schritt weiter. Sie versucht ohne Not und medizinische Notwendigkeit durch Implantate das Spektrum ihrer körperlichen Funktionen und Wahrnehmungen zu erweitern.

"In einer liberalen Gesellschaft wie der unseren, kann jeder seine Selbstoptimierung nach eigenen Wünschen handhaben, solange er nichts Verbotenes oder für andere Gefährliches tut", sagt Alena Buyx, Leiterin der Arbeitsgruppe Medizinethik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Dies gelte auch für Implantate sowie für verschreibungspflichtige Medikamente, mit denen sich die geistige oder körperliche Leistungsfähigkeit steigern ließen.

Die schwedische Firma, die ihren Mitarbeitern vor einigen Monaten anbot, sich einen Chip implantieren zu lassen, der mit der Schließanlage ihres Büros und dem Kopierer interagiert, ist dagegen schon ein anderes Kaliber. Denn die Mitarbeiter wurden zwar nicht gezwungen, sich den reiskorngroßen Radiofrequenz-Identifikationschip einpflanzen zu lassen. Aber ein Implantat zum Vorteil des Arbeitgebers findet Buyx dagegen "aus ethischer Sicht problematisch".

Körper "vernetzen"

Der Soziologe Dierk Spreen spricht in seinem Buch über den "Körper in der Enhancement-Gesellschaft" von einer "Upgradekultur" in der "verdatete und vernetzte Körper" um individuelle Optimierung ringen. Er findet es - angesichts der jetzt schon starken Durchdringung des Leibes mit Technologien - fast mittelalterlich zu versuchen, klar zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Wesen zu unterscheiden.

Auch Stefan Greiner (31) aus Berlin fasziniert die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Er arbeitet gerade mit seinen Kollegen an einem Armband, das Migräne-Attacken vorhersagen soll. Greiner, der im Allgäu ohne Fernseher im Haus aufgewachsen ist, gehört einem Verein an, der sich "Cyborgs" nennt. Mit dem Begriff "Cyborg" bezeichnet man Menschen, deren Körper durch künstliche Bauteile verändert worden sind.

Den kleinen, mit Silikon ummantelten Magneten, den er sich in den Finger hatte einpflanzen lassen, trägt er zu Zeit nicht mehr. "Ich musste mich zur Untersuchung meiner Rückenprobleme in die Röhre legen, und da hatte ich Angst, dass mir das Gerät den Magneten aus dem Finger zieht", sagt er. Und wie war seine Erfahrung? "Toll, ich überlege sogar, ob ich mir wieder einen implantieren lassen soll." Dass Menschen eine technische Selbstoptimierung ablehnen, kann er nicht nachvollziehen.

Gegen die Norm

Er sagt: "Das sind meist Menschen, die von einem normierten Menschenbild ausgehen, das ich selbst grundsätzlich infrage stellen würde, denn jeder Mensch ist anders." Auch sei die Grenze zwischen medizinisch gebotenen Implantaten und der Verbesserung des eigenen Körpers ohnehin fließend. "Denn oft ist es ja auch so, dass ein medizinisch indiziertes Implantat besser funktioniert als das biologische Original."

Für einen Cyborg sieht Greiner relativ unauffällig aus. Denn in der Szene tummeln sich viele Menschen mit großflächigen Tätowierungen und ungewöhnlichem Körperschmuck. Greiner trägt nur einen kleinen Ring im Ohr. Wie die meisten Forscher zum Thema Mensch-Maschine, so erwartet auch Greiner, "dass der maschinelle Part in unserem Leben weiter nach oben gehen wird". Er sagt: "In Zukunft gibt es extreme Potenziale und Gefahren. Dabei ist vor allem die Frage entscheidend, wer die Hoheit über unsere Daten hat."
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