"Detonation wie im Krieg"

Ein zerstörtes Feuerwehrauto, dahinter Ruinen. Die massiven Explosionen im chinesischen Tianjin haben mindestens 50 Menschen das Leben gekostet, mehr als 700 wurden verletzt. Bild: AFP

Ein Feuer und gefährliche Güter in einem Lagerhaus lösen gewaltige Explosionen in Chinas Hafenstadt Tianjin aus. Viele Menschen denken erst an einen Bombenangriff. Wie konnte die Katastrophe passieren?

Ein Feuerblitz erhellt die Nacht, heftige Explosionen folgen. Die Erde bebt. Über der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin steigt eine große pilzförmige Wolke in den Himmel, als wenn gerade eine gewaltige Bombe eingeschlagen wäre. Die Zerstörungen im Hafengelände des Binhai-Distrikts sind enorm. Feuer breitet sich in einem weiten Umkreis aus. Am Morgen danach sieht die Gegend von der Luft aus wie ein Kriegsgebiet. Trümmer waren selbst weit entfernt in Häuserwände eingeschlagen, haben Menschen verletzt. Die Druckwelle war Kilometer weit zu spüren, drückte Fenster ein. "Wie ein Erdbeben" oder "wie im Krieg", schildern Augenzeugen immer wieder.

Unter den Opfern sind mindestens zwölf Feuerwehrleute. Die Retter waren zu einem Feuer in einem Lagerhaus für Gefahrgüter gerufen worden. Die Explosionen waren so heftig, dass sie als Erdbeben registriert wurden. Die erste Detonation erreichte die Stärke von drei Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT, während die zweite 21 Tonnen TNT entsprach, meldete das seismologische Amt. Der Wanderarbeiter Wang Yongyong stand gerade unter der Dusche, als die erste Druckwelle Türen und Fenster eindrückte und ihn drei, vier Meter wegschleuderte. Nur in Unterhose und mit einem Latschen rannte er raus, als die zweite, noch heftigere Explosion folgte.

Chemie lässt Augen tränen

Auch am Tag danach war das Ausmaß der Zerstörung und der Gefahren noch unklar. In den frühen Morgenstunden war die Konzentration von Chemikalien in der Luft so schlimm, dass den Menschen laut Staatsfernsehen die Augen tränten. Feuerwehrleute fühlten sich unwohl. Aus dem nur eine gute Autostunde entfernt gelegenen Peking wurde ein 214-köpfiges Spezialteam der Volksbefreiungsarmee für biologische, chemische oder nukleare Unfälle mobilisiert, berichtete der Staatssender. Auch wurden wohl weitere Explosionen befürchtet, weshalb die Bergungsarbeiten zumindest vorübergehend ruhten. Zudem wurden die Informationen über das Unglück stark eingeschränkt. Chinesische Medien durften nur noch Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua weitergeben und wurden angewiesen, nicht selbst zu recherchieren. Da hatte die "Beijing News" aber schon von 42 Leichen allein im nächstgelegenen Taida Hospital berichtet - ein Zeichen, dass die Zahl der Toten zumindest bis dahin schon höher war als offiziell angegeben. Insgesamt 39 Krankenhäuser behandeln Opfer. Hunderte sind verletzt, davon Dutzende schwer.

"Sehr unglücklich"

Am Nachmittag stellen sich Behördenvertreter vor die Kameras, nennen neue Opferzahlen. "Wir sind sehr unglücklich über diesen Zwischenfall", sagt Zhang Yong, Distriktchef von Binhai. Er lobt die Feuerwehrleute: "Sie riskieren ihr Leben." Vor allem stehen die Anstrengungen der Behörden im Vordergrund. Auch sei die Schadstoffbelastung "normal", wird beteuert.

Nachdem Präsident Xi Jinping und Regierungschef Li Keqiang "umfassende Anstrengungen" gefordert hatten, will die allmächtige Partei dem Volk die Botschaft vermitteln: Wir haben die Situation im Griff, wir tun etwas. Das Leid, der Tod, die Zerstörung oder die Ursachen und Verantwortlichkeiten treten darüber leicht in den Hintergrund. Während weiter die Rauchwolken in den Himmel steigen, werden aber landesweit schon neue Sicherheitsinspektionen in Lagerhäusern angeordnet.
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