Deutsche verrückt auf die Queen

Wie die Gewinner eines Facebook-Wettbewerbs, die Gäste beim Staatsbesuch der Queen und des Herzogs von Edinburgh sein dürfen, hat viele Deutsche das Queen-Fieber gepackt. Bild: dpa

Königinnen mag es so einige geben. Aber es gibt nur eine Queen. Wenn sie Deutschland besucht, schlägt sie Millionen in ihren Bann. Woher kommt diese Begeisterung für eine im Grunde genommen eher unauffällige ältere Dame?

Sie ist 89 Jahre alt, Handtaschenträgerin und mehrfache Uroma. Sie sagt nicht allzu viel und verfügt, soweit bekannt, über keine herausragenden Fähigkeiten. Aber sie ist eben die Queen, und allein aufgrund dieser Tatsache versetzt sie ganze Völkerscharen in Entzücken. Ganz besonders die Deutschen. Denn Elizabeth Windsor und ihre lieben Verwandten sprechen gleich mehrere deutsche Sehnsüchte an.

Nach der Monarchie: "Die Krone fiel - wer wird denn weinen?", fragte Kurt Tucholsky, als die Deutschen ihren eigenen "Royal" Kaiser Wilhelm II. 1918 ins Exil schickten. Aber es fehlte dann doch was. Offensichtlich projizieren die Deutschen ihre latente Sehnsucht nach der Monarchie auf die britische Krone. In einer Wettbewerbsgesellschaft zählen Monarchen zu den wenigen Menschen, die man bewundern kann, ohne sich unterlegen zu fühlen, denn als König wird man geboren - oder auch nicht."

Nach kultureller Einheit: Die Queen bildet den kulturellen Mittelpunkt Englands. Die Engländer empfinden auf diese Weise eine Verbundenheit mit ihren Landsleuten, die sich in zahllosen privat organisierten Straßenfesten zu den Thronjubiläen manifestiert. Die Deutschen erleben ein solches Gemeinschaftsgefühl nur bei der Fußball-Nationalmannschaft.

Nach der Klassengesellschaft: Die Fernsehserie "Downton Abbey", ein weltweiter Exportschlager, zeigt das spätfeudale Herrschaftsbiotop einer englischen Adelsfamilie. Der Erfolg der Serie lässt sich nur mit einer geheimen Sehnsucht vieler Menschen nach einer Gesellschaft erklären, in der jeder seinen Platz kannte.

Nach Stil: Viele Deutsche bewundern die englische Aristokratie für ihren Stil. Diese manierierten Sprach- und Verhaltenscodes, unnachahmliche Original-Geschnösel der Upperclass, aber auch der trockene Humor. So sagte die Queen einmal zu einer bürgerlichen Gesprächspartnerin sagte, deren Handy unaufhörlich klingelte: "Sie sollten rangehen. Vielleicht ist es jemand Wichtiges."

Nach dem Zeremoniell: Die Deutschen lieben das britische Königshaus nicht zuletzt für "Pomp and Circumstance" - und übertragen deshalb jede sich bietende Hochzeit oder Beerdigung live.

Nach moralischer Integrität: Die britische Monarchie ist ein Big-Brother-Haus, aus dem man nie wieder rauskommt. Die hormonellen Wirrungen des Windsor-Clans haben der Rest-Welt schon viele heitere Stunden beschert. Die Queen aber ist immer ein moralisches Vorbild geblieben.

Nach Kontinuität: 1953 war das Jahr, in dem Stalin starb, ein VW Käfer 4200 Mark kostete und der 1. FC Kaiserslautern Deutscher Fußballmeister wurde. So ziemlich alles hat sich seit damals geändert - nur nicht die Frau auf dem britischen Thron.
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