Die Abschreckung zählt

Die beiden Angeklagten aus Leipzig im Polizeiauto vor dem Gerichtsgebäude in Singapur. Weil sie in einem U-Bahn-Depot ein Graffiti gesprüht hatten, bekommen sie jetzt Haft und Stockschläge auf den blanken Hintern. Bild: dpa

Wie andernorts vor 100 Jahren straft Singapur Missetäter für kleine Straftaten. Jetzt bekommen zwei Leipziger Stockschläge und Haft wegen Graffiti-Sprühens. Dass die Tortur möglichst schnell über die Bühne geht, können sie nicht hoffen.

Wie Schwerverbrecher stehen die beiden Graffiti-Sprüher in Singapur vor dem Richter: Die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, werden sie in den Saal gebracht. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Gefangener". Dann präsentieren sich die beiden als reumütige Sünder: Er schäme sich, sagt der eine, richtig dumm gewesen sei er, räumt der andere ein.

Richter Liew Thiam Leng lauscht und verzieht keine Miene. Er verkörpert die ganze singapurische Staatsräson: Es geht um den kleinen asiatischen Stadtstaat, der sich mit eiserner Disziplin, autoritärer Regierungsführung und strengsten Gesetzen aus dem nachkolonialen Chaos in der Region vor 60 Jahren zu einem der wohlhabendsten Standorte der Welt entwickelt hat. Das Land ist nicht gewillt, auch nur bei einem dieser Attribute die Zügel locker zu lassen.

"Kriminelle Energie"

"Andere abschrecken", belehrt er die beiden - das sei neben der Strafe die Absicht seines Urteils. Die ganze Planung des Einbruchs in ein U-Bahn-Depot mit Beschmierung eines Waggons, das deutet er als kriminelle Energie Neun Monate Haft und drei Stockschläge, verkündet er schließlich. Der Staatsanwalt hat den für die Singapurer so schrecklichen Horror vorher per Foto demonstriert. Zu sehen ist auf der Farbaufnahme ein U-Bahn-Waggon, daran das Sprühbild der Deutschen: zehn Meter lang und 1,8 Meter hoch. "Dieser Akt des Vandalismus zeugt von bemerkenswerter Anstrengung", sagt der Staatsanwalt.

Was anderswo mit einer Geldstrafe oder ein paar Stunden gemeinnütziger Arbeit abgetan worden wäre, gilt in Singapur als schwere Straftat. Der erste Regierungschef Lee Kuan Yew hat der Hochhaus-Metropole einen autoritär-paternalistischen Stil verpasst, der bis heute durchgezogen wird. Kein Wunder: Sein Sohn ist heute Regierungschef. Einen Tag vor dem Urteil hat das Gericht noch einmal bekräftigt: Die Prügelstrafe sei verfassungskonform. Das Folterverbot im Gesetz gelte nicht für Verurteilte, sondern nur für Verdächtige, um zu verhindern, dass Geständnisse erpresst werden.

Keine Aussicht auf Berufung

Ein Anwalt der beiden Leipziger, Rüdiger Ackermann, meint, er sei zwar persönlich nicht für körperliche Züchtigung. Aber: "Wenn man ins Ausland reist, muss man die dortigen Gesetze beachten." So werden die Leipziger - wie durchschnittlich mehr als 2000 andere Verurteilte im Jahr - demnächst im Gefängnis die Hosen runterlassen müssen. Die Aussicht, in einer Berufung um die Prügelstrafe herumzukommen, sind gleich null. Mit den Stockschlägen, scheint es, haben sich die beiden schon abgefunden: Ihr Anwalt hat zwar eine kürzere Haftstrafe gefordert, die drei Stockschläge aber akzeptiert. Die Prügelstrafe wird mit einem feuchten Peddigrohr auf den nackten Hintern verabreicht.
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