Die Chance auf Abschied

Der Tod hat viele Gestalten, für jeden eine andere. Für mich hatte er das Antlitz meiner Urgroßmutter, die mitten in der Nacht wach wurde und "gut hat es geschmeckt" fantasierte. Sein Schatten streifte mich, als ein enger Freund, 19, während seiner Therapie in Stuttgart von einem Hochhaus sprang - und ich seiner Mutter die Nachricht überbringen musste.

Der Tod begegnete mir in Gestalt meiner Oma, 64, die sich nach der aufopferungsvollen Pflege meines Opas um den Lebensabend betrogen sah. Sie, die zeitlebens gutmütig Volksfrömmige verbot dem Pfarrer, ihr Zimmer zu betreten und wies im Sterben meine Hand zurück. Die sterblichen Überreste meines Großvaters wurden grotesk baumelnd in einer Sarghülle sieben Stockwerke hinab getragen. Meine tapfere Mutter, 59, machte sich am Sterbebett vor allem Sorgen um uns Überlebende.

Fünf Menschen und ihr völlig unterschiedlicher Umgang mit ihrem Ende. Ich wünschte, es hätte für sie die Unterstützung eines Hospizvereins gegeben - es hätte ihnen Schmerz erspart und uns die Chance auf einen tröstlichen Abschied ermöglicht.
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