Die häufigsten Todesursachen

Eine Spirale ohne Ausweg: Die psychischen Krankheiten nehmen laut einer aktuellen Statistik als Todesursache immer mehr zu. Bild: dpa

Krebs ist schlimm, Herzinfarkt gefährlich, aber an Demenz oder Depression stirbt man nicht. Oder? Falsch, sagen Mediziner. Psychische Krankheiten stehen immer öfter auf dem Totenschein.

Woran stirbt ein Mensch? Biologisch gibt es eigentlich nur eine einzige Todesursache: Das Herz hört auf zu schlagen, die Atmung setzt aus, dann tritt der Hirntod ein. Was aber ist der Auslöser für diese Kettenreaktion? Darüber gibt die jährliche Statistik der Todesursachen Auskunft.

Auf Platz eins: Herz-/Kreislauferkrankungen. Fast 40 Prozent aller Sterbefälle waren darauf zurückzuführen, vor allem bei Älteren. Häufigste Einzeldiagnose ist hier der Herzinfarkt. Zweithäufigste Todesursache: Krebs. In diesem Jahr aber rückt eine Krankheit in den Fokus der Aufmerksamkeit, die auf den ersten Blick kaum jemand für tödlich hält: Demenz.

Immer mehr Demenztote

Sie gehört zu einer Gruppe von Todesursachen, die das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden unter dem Sammelbegriff "Psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen" zusammenfasst. Die Zunahme ist enorm: 2013 zählten die Statistiker in dieser Kategorie 16,9 Prozent mehr Todesfälle als 2012. Zuletzt waren es 36 117 Menschen. "In 80 Prozent dieser Sterbefälle war eine Demenzerkrankung die Todesursache", erklärt Destatis-Fachmann Torsten Schelhase.

Kann man an Demenz sterben? Durchaus, sagt Prof. Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie am Uni-Klinikum Frankfurt: "Demenz ist eine potenziell tödliche Krankheit." Im fortgeschrittenen Stadium könnten die Patienten nicht mehr essen und trinken - das führe zu Unterernährung und Austrocknung. Sie könnten im Extremfall auch nicht mehr schlucken - so könne Speichel in die Atemwege gelangen und die Lunge schädigen. Auf dem Totenschein würde in diesem Fall neben der unmittelbaren Todesursache (etwa Multi-Organversagen) und dessen mittelbarem Auslöser (wie Lungenentzündung) auch das Grundleiden Demenz vermerkt.

Gesellschaft und Gesundheitssystem sind auf die wachsende Zahl von Dementen zu wenig eingestellt, glaubt die Deutsche Stiftung Patientenschutz. "Während wir bei Krebs ein Konzept haben, ist das in Bezug auf neurologische Krankheiten doch eher ein Vor-sich-hin-Wurschteln", kritisiert Stiftungsvorstand Eugen Brysch. "Wir brauchen dringend eine "Agenda Demenz", die sich orientieren muss an der Qualität der Versorgung von Krebspatienten."

Wer psychisch krank ist, trage nicht nur ein höheres Risiko, körperlich zu erkranken, betont Reif. Auch das Selbstmordrisiko ist massiv erhöht: "Bei 90 Prozent der Suizide weiß man, dass vorher eine psychische Störung bestand." 10 076 Menschen setzten laut Todesursachen-Statistik im Jahr 2013 ihrem Leben bewusst ein Ende - Männer fast dreimal so oft wie Frauen.

Prävention unterfinanziert

Während viel Geld beispielsweise in die Krebsprävention flösse, sei die Suizidprävention - Andreas Reifs Spezialgebiet - völlig unterfinanziert. "Die Mittel, die zur Verfügung stehen, spiegeln die Bedeutung psychischer Erkrankungen mitnichten wider." Einem psychisch Kranken in einer Klinik würden nicht mal 30 Minuten psychologische Betreuung pro Woche finanziert, während für körperliche Krankheiten ein Vielfaches für Medikamente ausgegeben werde.
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