Die Neuen in der Stadt

Wenn man so als Gespenst des Tags schön unsichtbar durch die Straßen und Gassen der Stadt geistert, da bekommt man schon das eine oder andere Gespräch mit und sieht allerlei, das können Sie mir glauben.

Ich habe ja auch reichlich Zeit - denn als amtlich anerkanntes Turmgespenst muss ich ja schließlich weder schlafen noch essen oder trinken. Und diese Zeit nutze ich, mich immer wieder rund um meinen Turm umzusehen. Ja, zugegeben, ich bin schon ein kleines bisschen neugierig.

Wie da also letztens so durch die Stadt schwebte, sah ich zwei Kinder die Straße entlanggehen. Hübsch waren sie - und da ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, wollte ich ein wenig lauschen, was sie sich so zu erzählen hatten. Aber, oh je, ich verstand kein einziges Wort! Und noch gemeiner: Ich konnte nicht einmal erkennen, in welcher Sprache sich die beiden da unterhielten.

Freilich habe ich zu meinen Lebzeiten nur die deutsche Sprache beherrscht und die paar Sätze Latein, die wir immer in der Kirche gehört haben. Aber nach vielen, vielen, vielen Jahren als Turmgespenst kann ich zumindest erkennen, wenn sich da die Amerikaner, die seit länger Zeit bei uns in der Nähe leben, unterhalten. Aber nein, amerikanisches Englisch war das wirklich nicht, was die beiden da sprachen.

Was allerdings manche der anderen Leute hier auf der Straße zu sagen hatten, das verstand ich dafür umso besser. Und so ging mir ein Licht auf: Die beiden Kinder kommen aus der Balkan-Region und sind auf der Flucht zu Füßen meines Turmes gelandet.

Also beobachtete ich die Situation weiter. Mancher beäugte die neuen Mitbewohner etwas misstrauisch, von anderer Seite wiederum gab es ein Lächeln und ein freundliches Hallo. Schön!

Ich wohne ja schon eine ganze Weile hier in meinem Turm und dabei konnte ich vor allem etwas Bestimmtes immer wieder beobachten: Durch alle Zeiten hinweg sind Flüchtlinge hierher gekommen, die aus ihre Heimat verlassen mussten, zuletzt in großer Zahl nach dem Zweiten Weltkrieg.

Und auch wenn es nicht immer leicht war - wir haben diesen Menschen Sicherheit gegeben, wir haben sie satt bekommen und ihnen ein Dach über dem Kopf verschafft. Und im Gegenzug haben sie, wenn sie geblieben sind (was nicht alle von ihnen taten), unsere Gemeinschaft und Kultur bereichert.

So wie ich dies sehe, war das auch gut so. Daher meine Bitte: Seid freundlich zu Euren neuen Mitbürgern, sie sind auf Euer Wohlwollen und Eure Offenheit angewiesen! Ich werd' Euch im Auge behalten...

Euer Bartholomäus, Turmgespenst zu Vilseck
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