Die neuen Leiden der Wirte

Ganz schön zu stemmen haben nicht nur die Bedienungen - sondern auch die Gastronomen am Mindestlohn. Archivbild: Götz

Als existenzbedrohend empfindet nach wie vor die Gastronomie den Mindestlohn. Sie befürchtet eine Beschleunigung des Wirtshaussterbens auf dem Land. Andere Branchen haben sich mit dem Gesetz inzwischen arrangiert.

Amberg/Weiden. Hans-Reiner Heldrich führt in Edelsfeld (Kreis Amberg-Sulzbach) einen Hotel-Gasthof. Er musste in den vergangenen Monaten die Zahl seiner Mitarbeiter von zwölf auf vier reduzieren - und zeitgleiche Hochzeiten und Geburtstage absagen. Die Regiekosten bleiben; der Druck zur Selbstausbeutung steigt gerade bei den kleinen gerade bei Inhaber-geführten Betrieben.

Heldrich schätzt den Anteil der gastronomischen Kleinstbetriebe in der mittleren und nördlichen Oberpfalz auf 90 Prozent. Der stellvertretende Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands in Amberg-Sulzbach nennt als Beispiel für die "Praxisferne" die Aufzeichnungspflicht, etwa bei einer Hochzeitsfeier bis in die Morgen: "Spätestens nach zehn Stunden muss die Bedienung aufhören und der Inhaber für sie weitermachen." Die gesamte Arbeitszeit der Beschäftigten - inklusive der Pausen - muss dokumentiert und mindestens zwei Jahre aufbewahrt werden. Weil die kleinen Betriebe meist nicht die elektronischen Systeme dafür besitzen, müssen sie per Hand "dokumentieren". "Nicht der Mindestlohn, sondern die Aufzeichnungspflicht ist das Problem."

Sorge um die Nachfolge

"Die Gastronomie mit ihren langen Öffnungszeiten, ihren ruhigeren und hektischen Phasen erfordert höchste Flexibilität. Mit dem neuen Gesetz sehe ich keinen Horizont mehr", sagt Heldrich, der sich um die Nachfolge sorgt. "Viele Kinder von Gastronomen haben die Nase voll und wollen einen anderen Beruf ergreifen."

Ins ein ähnliches Horn stößt Alfred Wedlich, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Tirschenreuth: "Die Gastronomie musste die Zahl der 450-Euro-Kräfte verringern und die Öffnungszeiten häufig verkürzen." In Ballungsräumen würden die um mehr als 20 Prozent gestiegenen Personalkosten auf die Gäste umgelegt. "In der Nordoberpfalz ist dies nicht machbar." Früher gab es in den "Ruhezeiten" ("fürs Rumsitzen") einen Stundenlohn von 7 Euro, "heute müssen wir dafür 8,50 Euro bezahlen". Wedlich rechnet mit zunehmenden Betriebsaufgaben. "Der Trend zum Sterben der Wirtshäuser wird sich um 10 bis 15 Prozent verstärken." Die Relation zwischen Umsatz und Personalkosten stimme nicht mehr.

Ganz anders stellt sich die Lage im Friseur-Handwerk dar. "Für uns war der Mindestlohn noch nie ein Problem, weil in den alten Bundesländern der Tarifvertrag gilt", erklärt Harald Raml, Obermeister der Friseur-Innung Nordoberpfalz. Danach werden für ungelernte Kräfte - als "unterste Grenze" - mindestens 8,70 Euro bezahlt. "Das Problem ist der tariflose Osten Deutschlands." Das schlechte Image wegen Stundenlöhnen von 3 Euro für Friseusen müsse man im Westen leider mittragen. Über Nachwuchsmangel bei den Hairstylisten kann sich deshalb Obermeister Raml (noch) nicht beklagen. Die meisten Auszubildenden verfügen heute über die Mittlere Reife. Eindeutig wird das Friseur-Handwerk von (jungen) Damen dominiert. "Jungen sind die seltene Ausnahme."

Fusion im Taxi-Gewerbe

Auf den Mindestlohn hat sich auch das Taxi-Gewerbe eingestellt. So schlossen sich in Weiden am 1. April vier bisher selbstständige Taxi-Betriebe zur "Taxi-Zentrale" zusammen. "Diese Fusion senkte die Kosten spürbar", bestätigt Gesellschafter Harald Bernhard. Die Zahl der Fahrzeuge sank von 32 auf 25. Da es im Taxi-Gewerbe viele Wartezeiten gibt ("Leerlauf" im wahrsten Sinn des Wortes), erfolgte früher die Bezahlung der Fahrer auf Provisionsbasis (etwa 30 bis 40 Prozent vom Umsatz). "Mit dem Mindestlohn von 8,50 Euro trägt jetzt der Arbeitgeber voll das Risiko, ob was los ist oder nicht", meint Bernhard. Der Zusammenschluss - als Folge der erwarteten Ertragseinbußen - habe die Auslastung der Autos verbessert und die Gesellschafter entlastet. "Früher konnten wir als Taxi-Unternehmer kaum Urlaub machen, arbeiteten am Tag bis zu 15 Stunden." Die Taxi-Zentrale zählt insgesamt 70 Beschäftigte.

Von der Thematik Mindestlohn nicht berührt zeigt sich die OTH Amberg-Weiden. Deren Sprecher, Dr. Wolfgang Weber, betont: "Es gibt mehr Praktikumsplätze, als wir besetzen können." Denn sowohl beim Grundpraktikum als auch beim Praxissemester sind die Unternehmen vom Mindestlohn befreit. "So lange der Status als Studierender besteht, fällt kein Mindestlohn an." Anders sieht es dagegen bei freiwilligen Praktika nach dem (abgeschlossenen) Studium aus. Hier schlugen die studentischen Fachschaftsvertreter Alarm. Wolfgang Weber spricht von "wenigen Einzelfällen".



Schmalzl: riesiger Verwaltungsaufwand

"Für die Unternehmen ist meist nicht die Höhe des Mindestlohns der Kritikpunkt, da sie seit vielen Jahren deutlich mehr bezahlen. Vielmehr ist es die Bürokratie", bemängelt der Leiter der IHK-Geschäftsstelle Amberg-Sulzbach, Johann Schmalzl, die umfassenden Dokumentations-Pflichten und die Rechtsunsicherheit.

So braucht jeder Betrieb Haftungs-Freistellungserklärungen von seinen Lieferanten und Kunden, um die Auftraggeberhaftung abzuwenden. "Dabei müssen die Unternehmen für etwas bürgen, für dass sie gar keine Kontrollmöglichkeit haben, Das ist ein riesiger Verwaltungsaufwand mit fragwürdigem Nutzen."

"Die Unternehmen in der Region würden es begrüßen, wenn die angekündigte deutliche Senkung der Lohnuntergrenze für die Aufzeichnungspflicht schnell umgesetzt wird", meint Schmalzl. Der Aufklärungsbedarf ist offenbar gewaltig: Für die IHK-Informationsveranstaltung "Der Mindestlohn und seine Überprüfung durch den Zoll" am 22. Juli in Regensburg liegen bereits über 200 Anmeldungen vor.
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