Die Suche nach der Nische

Wir sind ehrliche Kaufleute und stets sparsam. Was wir verdienen, bleibt im Unternehmen.

Noch vor 30 Jahren zählte die Textilindustrie in Deutschland 500 000 Beschäftigte; heute sind es weniger als 70 000. Geradezu exotisch wirkt in diesem negativen Umfeld die Tuchfabrik Mehler in Tirschenreuth. Sie verdreifachte ihren Umsatz in den vergangenen zwölf Jahren. Wie schafft sie das?

Tirschenreuth. In Deutschland tobte noch der 30-jährige Krieg, als die Tuchfabrik 1644 nachweislich gegründet wurde. Mehler zählt damit zu den ältesten Betrieben in Bayern.

"Geld rauszuziehen aus der Firma für andere Dinge, geht nicht", sagt Paulus Mehler. Der 53-Jährige führt das mittelständische Unternehmen gemeinsam mit seinem Großcousin Ludwig Mehler (47) - in der mittlerweile 11. Generation.

Das Jugendstilgebäude am Hauptsitz in Tirschenreuth scheint aus der Zeit gefallen, quasi "entschleunigt" zu sein: Schweres dunkles Holz, Mosaik-Ornamente im Fußboden, hohe Räume und im Besprechungssaal verkünden schwarze Lettern die Botschaft "Es gibt keinen anderen Lohn als Gott". Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte überlebte die Tuchfabrik am Markt. Viele Unternehmen denken in Quartalen, die Mehlers in Generationen.

Kaufmannstugenden

"Wir konzentrieren uns auf das Kerngeschäft, persönliche Dinge müssen zurückbleiben", meint Paulus Mehler. Was einfach und plausibel klingt, ist harte Arbeit. Mehler setzt seine Kraft und Kreativität "auf Marktnischen, die kein anderer Wettbewerber bedienen will oder kann": Blick auf die Lücke mit einem gewissen Anspruch. Das hohe Qualitäts-Verlangen verbindet sich mit Schnelligkeit und Flexibilität - und vor allem einem Stoff-Lager, das in der Branche als einmalig gilt. Die Logistik bevorratet elf (!) Monate einer Jahresproduktion. "Diese Serviceleistung kann kaum ein anderer Textilmitbewerber bieten. Das Lager darf allerdings nicht fremdfinanziert sein ..." Zu dieser handwerklichen Solidität kommen die klassischen Kaufmannstugenden, die so einfach und doch nachhaltig sind: "Hersteller und Kunde müssen dauerhaft Freude an der Zusammenarbeit haben. Wir wollen unseren Kunden ein ehrlicher und verlässlicher Partner sein - und nicht über Nacht reich werden."

Gleichwohl lässt Mehler keinen Zweifel daran, "dass wir verdienen müssen, um investieren zu können". Dies setzt ein "ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis" voraus. Die etwa 700 Kunden im deutschsprachigen Raum sehen dies offenbar genauso, denn Fluktuation - von Neukunden abgesehen - gibt es kaum.

Gesamte Fertigungstiefe

Von trendigen Management-Weisheiten wie Gewinn-Maximierung oder Outsourcing hält Paulus Mehler vor diesem Hintergrund rein gar nichts. Stattdessen gilt das Motto "Der Kunde sagt an, wir liefern." Die Tuchfabrik verfügt bis heute über die gesamte Fertigungstiefe. Das Produktions-Portfolio umfasst hochwertigen Loden ebenso wie Trachten: "Beim Oktoberfest-Umzug kommen 80 Prozent von uns." Als Marktführer gilt die Tuchfabrik Mehler bei der Ausstattung von Blaskapellen und Gesangvereinen, darunter die Regensburger Domspatzen. Dazu kommen Uniformen für das fliegende Personal diverser Fluggesellschaften, die Bundeswehr, die Polizei, die Deutsche Bahn oder Spezialprodukte wie der Nackenschutz für die französischen Berufsfeuerwehren.

Die Tuchfabrik Mehler scheut nicht vor Klein- und Kleinstserien - mit begrenzten Stückzahlen - zurück, liefert spezielle Sitzbezüge, Vorhänge oder Bett-Überwürfe. Auf Innovations-Freude lassen Aufträge etwa für einen "Faden-Heber" hochwertiger Staubsauger oder Felle für Tourenskigeher schließen. Für die Grundauslastung der insgesamt 110 Beschäftigten (davon 40 am Standort Forst in der Lausitz) sorgen allerdings Großserien. Diese "hausgemachte Konjunktur" generierte selbst in den Krisenjahren 2008/2009 ein Wachstum.

Demütig und dankbar

Paulus Mehler (verheiratet, fünf Kinder) führt das Familienunternehmen seit 1996. "Es war ein brutal harter Kampf, Schritt für Schritt neue Produkte zu entwickeln und in neue Maschinen zu investieren." Er bekennt, dass zu einer erfolgreichen Arbeit auch der Segen Gottes gehöre. "Ich bin demütig und dankbar, dass es die Tuchfabrik Mehler in der elften Generation noch gibt." (Seite 54)
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