Die traumatisierte Generation

Flucht macht nicht nur hungrig: Die Landkreise erwarten eine neue Welle traumatisierter Jugendlicher aus Bürgerkriegs- und Krisenländern. Bild: Huber
 
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Als Hussein 13 Jahre alt ist, macht er sich auf den Weg. Der Vater, im somalischen Bürgerkrieg schwer verwundet, kann nicht mehr für die Familie sorgen. Eine Odyssee beginnt, die Jahre später in der Regensburger Trauma-Ambulanz endet.

Von Jürgen Herda und Lissy Höller

Regensburg. 8200 jugendliche Flüchtlinge befanden sich im Mai in Obhut bayerischer Sozialämter. Tendenz steigend. Woher kommen diese Jugendlichen – Folge der Eskalation in den Krisenregionen oder neue Masche der Schlepper, weil Minderjährige besondere Rechte genießen?

50 von ihnen landen wie Hussein in der Trauma-Ambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) am Bezirksklinikum bei der Leitenden Oberärztin Dr. Stephanie Kandsperger, Oberärztin Dr. Katharina Ehrich und Psychologin Nicole Küfner. „Er will so schnell wie möglich Geld verdienen, um seine Familie zu unterstützen“, sagt Küfner, „deshalb hat er die Strapazen auf sich genommen.“

Als ihm klar wird, dass der Weg zum selbst verdienten Geld noch länger ist – Schule, Ausbildung, Job – ist er verzweifelt. „Er macht sich Sorgen um seine Eltern und Geschwister, die telefonisch nicht zu erreichen sind.“ Das Schicksal des sudanesischen Jugendlichen ist charakteristisch für viele Leidenswege, denen die beiden Frauen am Bezirksklinikum begegnen: „Wir arbeiten eng mit den Kinderzentren St. Vincent und Don Bosco zusammen“, sagt Kandsperger. „Viele Jugendliche haben Flashbacks, erstarren, weil sie immer wieder ihre schrecklichen Erlebnisse durchleben – als würden sie gerade geschehen.“ Kinder, die zusahen, wie die Eltern und Geschwister gefoltert und ermordet wurden. Die selbst mehrfach lebensgefährlichen Situationen nur knapp entrannen. Die gequält und missbraucht wurden. In die Trauma-Ambulanz kommt nur die Spitze des Eisbergs: „Die Betreuer schicken vor allem die akuten Fälle, wie Jugendliche, die sagen, ,ich mag nicht mehr leben’“, erklärt die Ärztin.

Konflikte vor Ort lösen?

Hussein kommt nach seiner langen Flucht nur langsam zur Ruhe. 1991 begann ein 21 Jahre währender Bürgerkrieg im Sudan. Mehr als zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Khartumer Regierung und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee 2005 wird die Zahl der Vertriebenen auf fünf Millionen Menschen geschätzt. Neuerdings argumentieren deutsche Politiker gerne: „Wir können nicht das Elend der Welt bei uns lösen, wir müssen die Situation vor Ort verbessern.“ Klingt plausibel. Doch die Zahl der Kriege weltweit ist im vergangenen Jahr auf 21 gestiegen, die Forscher des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung zählten 424 politische Konflikte – wie soll die Weltgemeinschaft dort helfen, wenn sie nicht einmal die Lage in Afghanistan unter Kontrolle bekommt?



„Die meisten werden von den Eltern losgeschickt“, schildert Küfner ihre Erfahrungen, „manche versuchen es auf eigene Faust, manche haben ihre Eltern verloren“. Viele kommen aus Somalia, Äthiopien, Syrien und Pakistan. „Es sind fast immer Jungs“, sagt die Psychologin und vermutet: „Mädchen haben noch weniger Chancen, sie enden in den Fängen der Menschenhändler.“ Kandsperger warnt: „Wir müssen uns darauf einstellen, diese Problematik aufzufangen.“ Tausende Jugendliche, entwurzelt, traumatisiert, vergewaltigt – sie nicht allein zu lassen, gebietet nicht nur die Menschlichkeit.

Hussein führt ein Leben auf der Flucht mit anderen Jungs, zu Fuß, versteckt unter einer Lkw-Plane – nur die wenigsten werden am Mittelmeer ankommen. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, durstet und hungert. Nach einem Jahr erreicht er Libyen, ein Ort des Schreckens. Wie viele seiner Leidensgenossen wird er als Arbeitssklave ausgebeutet und eingesperrt – erst nach Monaten gelingt ihm die Flucht. Die Spannungen unter den Flüchtlingen wachsen, Diebstähle und Gewalt sind an der Tagesordnung. Es zählt nur noch das Recht des Stärkeren – oder Listigsten.

„Die meisten unserer jungen Patienten haben mehrere Traumata zu verarbeiten“, sagt Psychologin Küfner. „Oft müssen wir sie davon überzeugen, dass es ihnen hilft, sich Unterstützung zu holen.“ Von wegen aufgebauscht: „Wir hatten noch keinen Fall, in dem ein Jugendlicher erfundene Geschichten erzählt hätte, um seine Chancen beim Asylverfahren zu verbessern“, fügt die Ärztin hinzu. Die Altersgruppe reicht vom Kleinkind, das sich nicht artikulieren kann, bis zum 17-Jährigen, der sagt, „ich spinn doch nicht“. Ein Trauma haben fast alle gemeinsam: „Die Erfahrung der Enge auf den oft seeuntüchtigen Schlauchbooten und der Todesangst steckt in den Knochen.“

Arbeitssklave in Libyen

Hussein ist fast 15, als er das Mittelmeer erreicht. Das Boot, ein notdürftig geflicktes Wrack, ist völlig überladen. Es ist November, das Risiko ist wegen des hohen Wellengangs besonders groß. Wasser läuft von allen Seiten ins Boot, jeder schöpft so schnell er kann – Hauptsache, nicht kentern, nicht im eiskalten Wasser erfrieren, nicht ertrinken. Als Hussein fast aufgibt, entdeckt die italienische Marine das Boot, bringt die Flüchtlinge auf die Insel Lampedusa. Der Junge wird in einen Raum gesperrt, versteht kein Wort, verfällt ihn Panik. Endstation Gefängnis? Stunden später erklärt ihm ein Dolmetscher, dass er aufs Festland gebracht wird. Hussein ist wieder alleine – und schlägt sich Richtung Norden durch.
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