Die Wut des Harun P.

Er soll mit Dschihadisten in Syrien das Gefängnis in Aleppo angegriffen haben. Außerdem soll Harun P. versucht haben, zum Mord an einer 16-Jährigen anzustiften. Der mutmaßliche Terrorhelfer steht in München vor Gericht.

Harun P. trägt eine ganze Menge Wut in sich. Wut über drei gescheiterte Berufsausbildungen, Wut darüber, dass sein Kind kurz nach der Geburt starb und die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin zerbrach. Eigentlich, so sagt der 27-Jährige, sei er ein friedlicher Mensch und reiße gerne Witze. Aber: "Wenn das zuviel ist, dann explodiere ich einfach", sagt er. "Ich haue mit der Faust gegen die Wand und fange das Brüllen an."

Harun P. muss sich seit Dienstag vor dem Oberlandesgericht München als mutmaßlicher Terrorist verantworten. Laut Bundesanwaltschaft ließ er sich von Oktober 2013 bis zum Frühjahr 2014 in einem Terrorcamp ausbilden - zur Vorbereitung auf "Mord oder Totschlag oder Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wie Bundesanwalt Bernd Steudl bei der Verlesung der Anklage sagt.

Im "Deutschen Haus"

Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums sind allein aus dem Freistaat bislang schon etwa 50 Islamisten nach Syrien gereist, um sich dort an den Kämpfen zu beteiligen. Mindestens drei sind mutmaßlich ums Leben gekommen - 20 sind inzwischen wieder zurück in Bayern.

Harun P. habe in Syrien gemeinsam mit anderen im sogenannten "Deutschen Haus" der Terrororganisation "Junud Al-Sham" den Terror geübt, habe dem Umgang mit Waffen wie einer Kalaschnikow gelernt - und dieses Wissen beim Sturm auf das Gefängnis von Aleppo Anfang 2014, bei dem viele Menschen starben, auch genutzt. Harun P. sei "von der Möglichkeit, selbst zu kämpfen, begeistert" gewesen.

Außerdem soll der Angeklagte den Mord an einer 16-Jährigen vorgeschlagen haben, die aus Deutschland nach Syrien gekommen war, um einen Dschihadisten zu heiraten. Er habe Angst gehabt, so Bundesanwalt Steudl, sie könne seinen Aufenthaltsort verraten. Das Mädchen wurde von ihrer Familie aber wieder zurückgeholt, es sei inzwischen wieder in Deutschland.

Im April 2014 dann kehrte auch Harun P. laut Anklage nach Europa zurück. Er wurde aber am Flughafen in Prag festgenommen und schließlich wegen gemeinschaftlichen Mordes, versuchter Anstiftung zum Mord und Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in München angeklagt. Die Bundesanwaltschaft stützt ihre Anklage auch auf Chatprotokolle und Fotos, die Harun P. unter anderem per Whatsapp an Freunde verschickte.

Harun P. macht am Dienstag ausführliche Angaben zu sich, seinem Leben und dazu, wie er radikal wurde. Er wurde als Sohn afghanischer Einwanderer in München geboren, wuchs dort gemeinsam mit zwei Brüdern auf. Das Verhältnis zu dem sehr religiösen Vater sei "schlecht" gewesen. Als Kind sei er von ihm so lange geschlagen worden, "bis meine Mutter dazwischen ging".

Er machte den Hauptschulabschluss, begann eine Ausbildung als Hotelfachmann, bei der er wegen Unpünktlichkeit rausflog - ebenso wie bei seiner dritten Ausbildung als Mechatroniker. Die zweite Ausbildung als Fachkraft für Schutz und Sicherheit in der Gebäudeüberwachung beendete er, weil ihm 200 Stunden Arbeit pro Monat zu viel waren. Mit 17, 18 Jahren, begann er, viel Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen - "die ganze Palette". Wie er das finanziert hat, will er nicht sagen. Er ist vorbestraft. Als seine türkischstämmige Freundin schwanger wurde, hätten die beiden beschlossen, ihre Familien zu verlassen. "Der Plan war, abzuhauen", sagt Harun P. - aus Angst vor einem "Donnerwetter". Das Kind kam viel zu früh und starb wenig später. "Das hat schon irgendwie Hass und Zorn hochgehoben", sagt er. "Hass auf alles."

"Bete wenigstens"

Irgendwann um das Jahr 2012 zerbricht die Beziehung. "Mir ging es wirklich sehr, sehr schlecht", sagt Harun P. Er habe dann gedacht: "Bete wenigstens, oder lies mal den Koran." Er begann nach eigener Aussage, sich Internet-Videos salafistischer Hassprediger anzusehen, nahm an Demonstrationen teil - und kam in Kontakt mit der inzwischen verbotenen islamistischen Vereinigung Millatu Ibrahim. Er heiratete, die Ehe hielt aber nur einige Monate.

Im Herbst 2013 reiste er schließlich nach Syrien - um den Ungerechtigkeiten des Assad-Regimes ein Ende zu machen, wie er sagt. "Da werden Frauen vergewaltigt oder Menschen lebendig beerdigt. Wenn da einer sagt, das ist Ungerechtigkeit, dann sehe ich das genau so."
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