Doku-Regisseurinnen: Wollten zeigen, «wie Mollath sich fühlt»
Entscheidung bleibt dem Zuschauer überlassen

Gustl Mollath. Bild: dpa
Nürnberg.(dpa) Die neue Dokumentation über Gustl Mollath soll nach dem Willen der Regisseurinnen nicht eindeutig Stellung zu dem Fall des wohl berühmtesten Psychiatrie-Insassen Bayerns beziehen. «Wir wollten keinen Film pro oder kontra Mollath machen. Wir wollten einen Menschen in seinen vielen Facetten zeigen, ihn respektvoll behandeln und dem Zuschauer die Möglichkeit geben, dass er ihn kennenlernt und vielleicht auch selber darüber urteilen kann», sagt die Regisseurin Leonie Stade (27). Ihr gemeinsamer Film mit Annika Blendl (33) «Mollath - und plötzlich bist Du verrückt» hat an diesem Freitag (26. Juni) Premiere beim Filmfest München.

Die Studentinnen der Münchner Filmhochschule waren für ihr Werk zwei Jahre lang mit Mollath und anderen Menschen unterwegs, die mit seinem Fall zu tun hatten - etwa mit seinem früherem Anwalt Gerhard Strate, zwei Journalisten und einem Freund Mollaths. «Alle waren sehr aufgeschlossen und haben uns sehr ehrliche Sachen gesagt», erzählt Blendl. «Sie haben uns sozusagen ihre Wahrheit geschildert und das war uns sehr wichtig: Die Wahrheit, die jeder einzelne anders sieht.» 72 Stunden Film-Material kamen dabei heraus, 90 Minuten sind vom 9. Juli an im Kino zu sehen.

«Was uns bei dem Fall so gestört hat, war, dass so extrem oft - bis auf wenige Ausnahmen - in die eine Kerbe gehauen wurde», sagt Stade. «Es wurde die eine Seite vertreten oder die andere und die haben sich teilweise bekämpft.» Blendl ergänzt: «Wir wollten dagegen zeigen, dass die Wahrheit manchmal auch in verschiedenen Graustufen dazwischen liegt.» Ihr Ziel sei gewesen, «dass man das Menschliche hinter der Geschichte sieht - sehen, wie Mollath sich fühlt».

Der Nürnberger Gustl Mollath saß rund sieben Jahre lang in der Psychiatrie und kämpfte von Anfang an für seine Freilassung. In einem aufsehenerregenden Wiederaufnahmeverfahren wurde er im Jahr 2014 freigesprochen. Das Landgericht Regensburg war dennoch der Ansicht, dass der 58-Jährige seine frühere Ehefrau verprügelt hatte.

«Wir können es nicht wissen, ob er sie geschlagen hat», sagt Stade. «Und dann kann man dazu auch nichts sagen.» Eines ist für die beiden Filmemacherinnen jedoch klar: «Dieser Mann war eindeutig siebeneinhalb Jahre zu Unrecht weggesperrt», sagt Stade. «Definitiv ist er zum Opfer von etwas geworden. Das heißt aber nicht, dass man ihn deswegen zum Helden stilisieren muss.»

Ziel sei von Anfang an keine klassische Fernsehreportage gewesen oder eine Investigativ-Geschichte, sondern vielmehr ein Porträt. «Und je mehr wir uns damit beschäftigt haben, ihn besucht und regelmäßig Kontakt hatten, hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass da ein sehr interessanter Mensch dahintersteckt», sagt Stade.

Mollath sei ein «sehr höflicher, sehr witziger und gebildeter Mensch». Blendle erzählt: «Er hat sehr viel Humor und wir haben uns gut mit ihm amüsieren können.» Dennoch sei der 58-Jährige «kein Mensch, der absolut im Strom der Gesellschaft schwimmt». Mollath sei kompromisslos, kämpferisch, sehr kontrolliert und genau. Dazu komme sein Drang zur Weltverbesserung.

«Uns war es wichtig, auch diese Seiten zu zeigen. Denn ohne diese Eigenheiten wäre er auch nie aus der Psychiatrie raus gekommen», erläutert Stade. «Wir haben mit ihm wirklich viel Zeit verbracht -, manchmal ganze Tage, wo die Kamera nicht lief», ergänzt Blendl. Sie habe den Eindruck, dass sie ihn richtig kennenlernen durften: «So wie wir ihn vor der Kamera zeigen konnten, so war er auch für uns.»

Stade formuliert zudem Kritik an der Beurteilung psychisch kranker Straftäter: «Unser Film soll die Frage aufwerfen, wie schwierig es in einem Rechtssystem ist, geistige Gesundheit überhaupt festzustellen - ob wir das in dieser Form wollen und wie wir damit umgehen möchten.»
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