Drei Jahre im Versteck

Um ihn nicht an die Mutter zu verlieren, soll ein Mann seinen Sohn jahrelang festgehalten haben. Während die Ermittler ihm Entführung vorwerfen, zeichnet der Anwalt des Mannes ein völlig anderes Bild.

Ein Vater soll seinen Sohn in Frankreich jahrelang vor der Mutter versteckt und in einer "abstoßend schmutzigen" Wohnung von der Außenwelt abgeschirmt haben. Die Polizei befreite den Jungen im Grundschulalter drei Jahre nach dem letzten Kontakt zur Mutter in Mulhouse im Elsass. Das Kind sei weder in der Schule gewesen, noch zum Arzt gegangen, sagte Staatsanwalt Dominique Alzeari am Samstag.

Seine Tage habe es größtenteils auf sich allein gestellt in der Wohnung verbracht. Der Junge habe schwere körperliche und psychologische Mangelerscheinungen, es gebe aber keine Anzeichen von Gewalt. Gegen den 37 Jahre alten Vater wurde am Freitag ein Verfahren wegen Entführung, Freiheitsberaubung und Vernachlässigung der elterlichen Sorge eröffnet - der letzte Punkt wiegt aus Sicht des Staatsanwalts dabei am schwersten.

"Es gab weder Entführung noch Freiheitsberaubung", widersprach der Anwalt des Vaters, Jean-Marc Fuchs. "Mein Mandant hat seinen Sohn nach den Ferien aus Gründen behalten, die zu einem Familienstreit gehören." Er bestritt gesundheitliche Probleme. Nach Angaben der Behörden ist der Junge acht Jahre alt, Fuchs sprach von neun Jahren.

"Liebender Vater"

Die Eltern waren seit 2010 getrennt, im Oktober 2012 verließ der Vater mit seinem Sohn die Côte d'Azur. Der Anwalt sagte, damals habe die Mutter keine richtige Unterkunft gehabt und der Sohn bei seinem Vater leben wollen. Nach Angaben der Regionalzeitung "L'Alsace" stellte die Mutter 2013 die erste Anzeige, ein Gericht sprach ihr Anfang 2014 das Sorgerecht zu. Eine Entscheidung, von der der Mann laut seinem Anwalt nichts wusste. "Die Situation ist nicht richtig angegangen worden, aber das ist ein liebender Vater", sagte Fuchs.

Die Ermittler spürten den 37-Jährigen mit Hilfe eines ehemaligen _Arbeitgebers auf. Nur selten habe der Junge die Wohnung verlassen und den Vater zum Einkaufen begleitet, sagte Staatsanwalt Alzeari. Der Mann habe ihm beigebracht, leise zu sprechen, damit die Nachbarn nichts merken. Noch nicht vollständig geklärt ist, wie die beiden die drei Jahre verbrachten. Sie sollen zeitweise im Burgund gelebt haben, der Mann soll häufig seine Handynummer gewechselt haben.

Der Junge wurde in einer Pflegefamilie untergebracht und zeigte zunächst nicht den Wunsch, nach der langen Trennung seine Mutter wiederzusehen. Dem Mann drohen dem Bericht von "L'Alsace" zufolge bis zu 30 Jahre Gefängnis, er sitzt in Untersuchungshaft.
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